Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Fels in der Brandung

Es gibt Menschen die stechen aus der Masse. Auch in der Anästhesie.

Vor ewigen Zeiten, als ich noch nicht wußte, was ich machen soll mit meinem frisch-gebackenen Halbexamen (vorläufige Approbation hieß das damals) traf ich einen.

Damals liebäugelte ich noch mit der Chirurgie und verbrachte meine AiP-Zeit in einer chirurgischen Ambulanz, Poliklinik und Schockraum.

Es kam der Tag, als im normalen Tagesgeschäft (also nichts wildes) plötzlich ein Sanitäter vor mir stand: „Wir reaninimieren draussen“.

Fall war folgender: Ein niedergelassener HNO-Schrauber hatte das Pech einen Patienten mit einer anatomischen Anomalie die Nasenscheidewand richten zu wollen. In diesem Fall verlief die A.carotis interna nicht – wie sie sollte – IM Sphenoid sondern oben drauf. Und genau da hatte er hineingeschnitzt.

Hektik, Panik, Chaos… all das versiegte mit Eintreffen des Anästhesisten. Souverän und koordiniert schüttete er dem armen Mann Blutkonserven hinein (am Ende waren es über 20 Null Negativ, IIRC) schneller als er bluten konnte.

Um ihn herum tobte das Chaos, Menschen schrien, Dinge flogen durch die Luft. Nichts brachte ihn aus der Ruhe. Er ordnete und koordinierte, wich nie vom Kopf des Patienten um dessen Leben wir da kämpften. Und wir kämpften! Mein (kleiner) Job war es damals, die Blutkonserven halbwegs zu sortieren und sie auszupressen. Mit den Händen, denn es gab nichts anderes.

Innerhalb kürzester Zeit war der Kreislauf stabil (Einfuhr gleich oder besser als Blutung), der HNO-Chef wurschtelte in der Nase, die Pfleger rannten, ich drückte Konserven…

Und hinter dem Kopf ein Mensch, der die Ruhe in Person war, der das Chaos zu einem machbaren Notfall machte, der zwar nicht schlußendlich heilen konnte, aber der wertvolle Zeit verschaffen konnte… und TAT.

Aus „er stirbt!“ wurde „wie stillen wir die Blutung?“ und dann „wir haben einen Plan“ und schließlich „wir habens!“

Ende vom Lied war hier ein Patient, der unterwegs wegen Volumenmangel reanimationspflichtig war, ganz am Ende sogar die Carotis interna unterbunden bekam (weil alle Patches nicht hielten) und ganz am Ende OHNE neurologische Ausfälle entlassen werden konnte.

Schockraum AT ITS BEST. Und das kann man nicht zuletzt dem Ruhepol zuordnen, der den Operateuren die Zeit verschafft hat, eine Lösung zu finden, der es durch seine Ruhe  geschafft hat, ein totales Chaos in einer eigentlich aussichtslosen Situation in eine „normale“ Notfallsituation zu verwandeln.

Aus „Chaos“ wurde „Hektik“ und aus „Hektik“ wurde „Eilig“.

Und „Eilig“ ist machbar.

Erwähnen sollte man noch, daß im Rettungswagen noch eine Schwester zwei Null Negativ hineinwarf, daß aus dem Stand volle Manpower am Arbeiten war, daß der Schockraum in gefühlten .2 Sekunden von Null auf Hundert lief.

Meiner Meinung nach hat der souveräne Gasmann die Situation von „er stirbt“ zu „wir kriegen das Problem gelöst“ gebracht.

Nicht durch die „Heilung“. Nicht durch blinden Aktionismus. Sondern einfach durch die Ruhe und dadurch, daß er aus einer aussichtslosen Situtation eine Machbare gemacht hat.

Namen möchte ich keine nennen. Aber vor diesem Menschen ziehe ich meinen Hut. Und nehme ihn als Vorbild.

We salute You!

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5. Juni 2010 Posted by | Notfall | , , | 7 Kommentare