Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Reanimationen sind nicht schön

Sie gehören zum Job wie ein Fisch ins Wasser gehört.
Man hat gelernt, wie es geht, man kennt den Ablauf, hat es schon ungezählte Male gemacht, kennt die Tricks.

Aber man kennt auch die Statistik.
Und die ist nicht eben hoffnungmachend.
Es ist ein bißchen wie der Tormann beim Handball: Man kann nur gewinnen. Nur hat der Tormann bessere Chancen.

Der Mensch, der da vor einem liegt, ist erstmal klinisch tot. Jede Veränderung der Situation ist eine Verbesserung, denn toter als tot kann er nicht mehr werden.

Man hantiert mit dem Equipment, man legt Zugänge, man defibrilliert, man drückt, man spritzt Medikamente.

Aus einem Kammerflattern wird ein breiter langsamer QRS, man atmet ein bißchen auf.
Aber Puls hats keinen. Man versucht den Rhythmus zu stabilisieren, aber es wird wieder ein Flattern. Man schockt weiter, Adrenalin, Amiodaron, man reanimiert weiter, hängt einen Perfusor hin, noch eine kalte Infusion. Die Pupillen sehen sogar noch gut aus.
Hin und wieder ein paar QRS-Komplexe, die aber immer breiter werden. Man lysiert.
Und drückt weiter. Und weiter. Und weiter.
Es kommen nicht mal mehr einzelne QRS-Zacken, egal wie breit. Das Flattern ist einer Asystolie gewichen. Die Hoffnung schwindet langsam, aber noch hört man nicht auf. Vielleicht reißt die Lyse noch was raus. Trotz der guten Herzdruckmassage werden die Pupillen weiter. Werden unrund. Wenn die Lyse jetzt nicht bald etwas verändert, verändert sich gar nichts mehr.
Keine Veränderung. Die Pupillen sind lichtstarr, weit. Rund ist auch anderes. Die Zyanose, die von Beginn an da war und auch nie weg ging, ist unverändert.

Schluß.
Der Mensch, der vor zwei Stunden noch nichts ahnend lebte, ist nun endgültig und unwiederbringlich tot.

Aufstehen, die Knie protestieren. Mit den Angehörigen sprechen, die es nicht fassen können. Das „Schlachfeld“ an leeren Verpackungen, Kabeln und Schläuchen aufräumen, Zugänge und Tubus wieder herausziehen. Durchatmen.
Papierkram ausfüllen, viele Zettel und Formulare. Je nachdem die Polizei oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen.
Nochmal mit den Angehörigen sprechen, die erstaunlich ruhig sind. Krisenintervention anbieten. Beileid aussprechen.
Wenn der ÄBD oder die Polizei da ist, Übergabe machen.

Und dann gehen. Denn der Dienst geht weiter, das Auto muß wieder einsatzbereit gemacht, Klamotten gewechselt werden.

The show must go on

Der nächste Einsatz kommt bestimmt. Und vielleicht hat der nächste mehr „Glück“ und etwas, daß er überleben kann.

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19. Juni 2010 Posted by | Notarzt | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Fruchtwasserkapitäne

Ein besonderes Schmankerl in der Anästhesie sind die Gynäkologen.

Gefühlt hat jedes noch so kleine Kreiskrankenhaus eine eigene gynäkologische Abteilung inklusive Geburtshilfe.

Das ist an und für sich ja nichts dramatisches. Wenn, ja, wenn…

Nachts halb drei, der Piepser tut was Piepser tun, aber nicht sollen: Er piepst.

Am anderen Ende einen Gynäkologen, der versucht mir im Halbtran direkt aus der Tiefschlafphase geweckt irgendwas von „CTG“ und irgendwelchen Beschleunigungen zu erzählen, irgendwelche Zentimeterangaben.

Ich höre im Hinterkopf Benether brüllen: „Wat WILLST du eigentlich von mir?“

Auf die etwas freundlichere (aber verschlafene) Umformulierung der Frage beginnt der Sermon von neuem.

Ehrlich, der Gynäkophage könnte auch Vogelgezwitscher von sich geben, es würde mir genauso viel sagen. Aber es ist gar nicht so leicht, das Vogelgezwitscher die medizinische Erklärung des Problems zu unterbrechen.

Und ich weiß immer noch nicht, was der Mensch da nachts um halb drei von mir will. Jede Unterbrechung seines Redeflußes läßt ihn nur von vorne starten.

Erst die Drohnung aufzulegen, wenn er mir nicht STAT sagt, was er von mir will, bringt ihn dazu, das Wort „Sectio“ zu äussern. Warum nicht gleich so?

Aber damit ist das Problem noch nicht erledigt. Denn Gynäkologen können durchaus unterschiedliche Vorstellung von „Not-Sectio“ haben. Auf die Frage wie dringend beginnt das Vogelgezwitscher von Neuem.

Das will ich doch alles gar nicht wissen!

Ich unterbreche etwas angefressen und formuliere die Frage um: Habe ich Zeit, alle Knöpfe meiner Hose zuzumachen und mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht zu klatschen, oder reicht die Zeit nur für einen Knopf und kein Wasser?

Wäre die Uhrzeit besser, hätte ich es mir selbst denken können (die ‚echte‘ Notsectio klingt so: „Sectio JETZT!“) aber direkt aus der Tiefschlafphase ist mein Deduktionsvermögen in etwa so gut wie meine Laune.

Aha. Eine „dringliche Sectio“. Also irgendwas mit 20 Minuten Zeit, bis die Show am Laufen sein soll. Warum nennt der Kasper das dann „Notsectio“?

Etwas später, die Sectio läuft, mehr oder minder zügig. Und dabei hört man dann Dinge, die einem den Rest der Nacht den Schlaf rauben werden. Nämlich von anderen Schwangeren, die noch im Orbit sind. Mit diesem oder jenem Problem. Vorzugsweise welche, denen man gegen Mitternacht noch einen PDK reingepfriemelt hat (was bei gefühlten 20 cm Speck über der Wirbelsäule etwas von Blindflug hatte).

Das ist der Grund, warum ich in Nachtdiensten grundsätzlich nicht im Kreißsaal vorbeischaue. Ich will schlicht nicht wissen, was da alles sein könnte. Der Piepser wird mich schon wecken und es schläft sich bis zum Piepsen deutlich entspannter, wenn man nicht darauf wartet.

Wenn ich aber weiß, daß da noch drei Schwangere mit irgendwas im CTG rumliegen und die vielleicht, vielleicht auch nicht noch eine Sectio kriegen, dann schlafe ich nicht gut.

Und genauso auch jetzt. Die Information, daß die Schwangere vielleicht, vielleicht auch nicht auch noch eine Sectio bekommen soll hindert mich am Schlafen… und so mische ich meine verschiedenen Erfahrungen mit dieser Abteilung und schreibe (etwas übernächtigt) diesen Eintrag.

Update: Benether-Link aktualisiert. JETZT isses der Richtige

5. Juni 2010 Posted by | Klinik | , , , , , , | 6 Kommentare