Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Golf November V

Es ist der Job. Es gehört dazu.

Aber den Golf November muß man nicht allzu oft haben. Da vergeht einem die Lust.

Wir haben nie herausgefunden, was da jetzt war.

Einsatz. Mittags. Der Nachmittagsschlaf.

Nichts bringt dich schneller aus den Federn als die Meldung „Kind“.

Fuck.

Rein ins Auto, ab der Fisch. Es wundert mich jedesmal, daß die Kiste ein paar km/h mehr macht, wenn sowas auf dem Piepser steht.

Die Meldung ist etwas undurchsichtig. Irgendwas mit „Kind“ und „Roller“.

Schneller, Mann!

Man ist es ja gewohnt. Man weiß es. Schneller geht es nicht. Und irgendwo auch die stille Hoffnung:

So schlimm wirds nicht sein…

Einsatzort, Ankunft. First-Responder vor Ort. RTW auch da.

Straße. Blöd zu finden. Viele Leute und Schaulustige. Alle jung.

Was ist hier los?

Ein junges Mädel, vielleicht 15. Bewußtlos. Im Augenwinkel ein Roller. Nicht wirklich wahrgenommen.

Der First-Responder im Stakatostil die Fakten: Rollerunfall, das Mädel angefahren. Erst bewußtlos, dann wach, dann wieder bewußtlos.

Atmen tut sie.

Ich sehe dem Mädchen in die Augen und mir wird schlecht.

Weite Puppillen schauen mich an.

Reize werden mit Strecken der Arme und Beine beantwortet.

FUCK

„DU! Nakose vorbereiten. Trapanal, Succi, Fenta! DU! Hubschrauber bestellen! JETZT!“

Hat der First Responder schon getan. Möchte ihn küssen.

Hat noch keinen Zugang, ging alles zu schnell. Ich lege einen, Kanonenrohr in eine Ellenbeuge.

Ich weiß nicht warum, aber wenns um die Wurst geht, klappts ohne Firlefanz.

Trage ist bereit, Stiffneck hat sie. Rauf auf die Trage und in gefühlten drei Sekunden sind wir im Rettungswagen.

Dort folgen quälend lange Sekunden. Trapanal ist eine Trockensubstanz, die erst aufgelöst werden muß.

Ein RA reicht mir eine Spritze. „Fenta!“ sagt er knapp.

Rein damit. Hälfte reicht erstmal.

„Succi!“

Wo bleibt das verdammte Trapanal?

„Trapanal!“

Rein! Succi hinterher! Scheiss auf Präkurarisieren.

Wir hören den Hubschrauber. Landet drei Straßen weiter.

Tubus sitzt. Blocken.

Fahr los.

Puls ok. Schnell. Nicht langsam.

Immerhin

Druck passt.

Pupillen? Nicht besser. Weit. Hirndruck. Und den knackig.

Da blutet was ins Hirn. Arteriell. Epidural? Wahrscheinlich.

Schnelle Übergabe an den Fliegenden Notarzt. Zügig, knapp.

„Rollerunfall. SHT, Pupillen weit, initial bewußtlos, dann wach, dann wieder bewußtlos, bei Eintreffen Strecksynergismen“

Schnell und zielsicher wird die Überwachung umgekabelt. Rein in den Hubschrauber.

Die First Responder sichern die Umgebung, der Hubschrauber hebt ab.

Wie zum Geier ist der überhaupt auf dem winzigen Platz gelandet?

Ich schaffe es gerade noch, mich bei den RAs zu bedanken, ohne das mir die Stimme bricht.

„Guter Einsatz“.“

Gut? Es lief gut. Perfekt, eigentlich. Aber das freut mich nicht.

Setze mich ins NEF.

Sprich mich nicht an, wenn du keinen erwachsenen Mann weinen sehen willst.

Wir fahren zurück.

Status Eins.

Nicht wirklich. Aber es gibt keine Anschlußfahrt.

Besser ist das.

Bis wir zurück beim Standort sind, kann ich wenigstens die Frage ohne brechende Stimme beantworten warum ich so geknickt aussehe.

Bis heute habe ich nicht nachgeforscht, was aus dem Mädchen geworden ist.

Ich habe Angst, daß ich die Antwort nicht hören will.

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24. Oktober 2011 Posted by | Daily Buisness, Golf November, Notarzt | , , , | 4 Kommentare

Golf November – II

Fünf Uhr, der Piepser geht.

Fünf? Naja, immerhin fast zwei Stunden geschlafen.

„25 Jahre, REA“

Um die Uhrzeit? In der Stadt? Maaan. Drogen, sicher. Wird nie was.

Weil nebenan es um die Einsatzzeiten ging schau ich auf die Uhr. 1:32. Von Bett bis Status 3.  Kann man nicht meckern. Schon gar nicht um die Uhrzeit.

Die Straßen leer, die Anfahrt schnell.

Das sieht aber nicht wie Drogenmilieu aus.

Eine junge Frau. Reanimation am Laufen. Zugang liegt. Pupillen: Weit.

Fuck.

„Was geht?“

Jung, keine Erkrankungen. Nur morgens Hyperventilationen.

Seit wann kriegt man von Hyperventilation einen Stillstand?

Einer der Helfer kniet in Unterhosen da. Arbeitet. Ein Profi.

Ich denke: Wo kommt der denn her? Ein Nachbar?

Im EKG flimmert es.

„Supra. Gib Zwei.“

„Schock“ – „200, biphasisch?“ – „Ja“

„Nochmal“

Da, ein Rhythmus.

Weia sieht das übel aus. Sah es schon vorher, aber was da am Monitor ist, reicht für Eiswasser in den Adern. Breit, unregelmäßig… aber:

„Ich hab einen Carotispuls!“ – „Ganz schwach, da ist was peripher“ – „Ich messe einen Druck: 70 systolisch“ – „Wir haben eine Sättigung: 94%“

„Soll ich die Trage klar machen“ – Der Typ in Unterhosen.

Er passt nicht ins Bild. Ruhig, konzentriert, schnell… aber in Unterhosen. Ein Profi. Weiß, was er tut, wann was zu tun ist. Und tut es. Vom Fach.

„Druck steigt. 70 systolisch“.

Pupillen? Besser. Nicht doll. Aber keine Riesenpupillen mehr.

Was zum Teufel ist hier los? In dem Alter stirbt man nicht einfach so.

Ich lüge mich an: Nicht in meiner Schicht! Aber ich weiß, das ist gelogen.

„Tubus“ – Cormack I°. Kein Thema. Hab ich schon schlimmere Intubuiert.

Das EKG springt um. Wieder Flimmern.

„Schock.“ – „Alle weg!“

Wieder Rhythmus.

Grausam sieht das aus. Breite QRS, arrhythmisch, zwischendrin sieht es aus wie VT.

Aber…

Ich glaub die werden schmaler.

Irgendwie zwischendrin einen dicken Zugang in die Carotis externa gejagt. Sitzt.

Warum klappt das wie geleckt nur dann, wenns um was geht? Wurscht, gut, daß es so ist.

Sättigung klettert. 100. Mehr ist nicht. Pupillen jetzt eng.

ein Quentchen Hoffnung

Der Typ in Unterhosen IST vom Fach. Hat alles vorbereitet. Wir tragen ins Auto, Kreislauf ist so lala, aber es kommt eine solide Kurve in der Sättigung an. Das EKG wird besser. Pupillen jetzt eng.

Scheiss auf Dokumentation, mach ich nachher. Ab der Fisch.

Schockraum. Die sind oft pelzig da, aber wenns um was geht, lassen sie die Puppen tanzen. So auch jetzt.

Kaum drin, hält schon einer den Schallkopf auf die Brust.

Ich sage, was ich weiß, drücke die EKG-Streifen in die Hand, während die Maschinerie richtig auf Touren geht.

Soft Skills sind in dem Laden manchmal knapp, aber wenns um die Wurscht geht, will ich nirgends anders hin.

Wenns um was geht, können die Jungs und Mädels da es ECHT krachen lassen. Profis von der echten Sorte. Maulen, wenns Firlefanz ist, aber wenns um was geht lassen sie die Kuh fliegen. RICHTIG.

Meine Adrenalinpumpe läuft leer. Ich muß aussehen wie der lebende Tod. Wenn sogar der Ober mich zu einem Kaffee schickt.

Auf dem Weg nach draussen treffe ich den Typ in Unterhosen (mittlerweile vollständig angezogen). Es ist der Freund. Und vom Fach. Hat direkt mit der Reanimation begonnen.

Jetzt ist er nicht mehr cool. Aber als es darauf ankam hat er die Arschbacken zusammengekniffen und war Profi. Ein Held. Wenn sie das übersteht, verdankt sie das ihm.

Jetzt darf er zerfallen.

Wir nicht. Wir machen die Kiste wieder klar, schütteln uns die Hände. Melden uns wieder frei.

Status Eins.

Besondere Vorkommnisse:

Keine.

15. Oktober 2010 Posted by | Daily Buisness, Golf November, Notarzt, Notfall | , , , | 24 Kommentare

Don’t touch a running system

Dies ist eine der großen Prämissen im Notarztdienst.

Im Krankenhaus ist es zwar auch nicht falsch, aber da auch nicht immer richtig.

Nur im Rettungsdienst sollte sich den Satz jeder Notarzt aufs Kissen sticken.

Ich MUSS keine Rhythmusstörung behandeln, die den Patienten subjektiv nicht stört und die grundsätzliche Hämodynamik nicht beeinträchtig.

Natürlich tut der alten Oma die Frequenz von 140 nicht auf Dauer gut. Und ewig macht die alte Pumpe das auch nicht mit. Aber wenn sie die Beschwerden schon „seit zwei Wochen“ hat, muß ich nicht mit meiner kleinen Ausrüstung draussen die Frequenz auf Teufel komm raus runterprügeln.

Damit schaffe ich mir möglicherweise nur neue Komplikationen, die nicht sein müßten und die im Krankenhaus viel besser behandelt werden könnten.

Ebenso MUSS ich eine OSG-Luxation (mit V.a. Fraktur) draussen nicht reponieren (wieder hinbiegen), wenn die Durchblutung, Sensibilität und die Motorik völlig normal ist und die Schmerzen sich im Rahmen halten. Ich bin kein Chirurg. Ich hab das zwar schon mal gemacht, aber warum es nicht den Knochenbrecher machen lassen, der das schon ZIG mal gemacht hat?

Erstens müßte ich dem Patienten dafür erstmal abschiessen (in Narkose packen), was ja auch schon – draussen ist NIEMAND nüchtern – Probleme machen kann. Zweitens ist die Reposition auch nicht immer ohne.

Also warum? Warum Probleme schaffen, die nicht sein müßen?

Klar, einen ausgerenkten Knöchel, der irgendwo taub wird oder blaß… den MUSS ich wieder hindrehen. Aber erst dann.

Im Rettungswagen geht viel. Erstaunlich viel. FAST alles. Aber eben nicht so gut, wie es im Krankenhaus ginge.

Also: Wenns läuft, der Patient nicht vital gefährdet ist oder dauerhafte Schäden entstehen können:

FINGER WEG!

9. September 2010 Posted by | Notarzt | , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Reanimationen sind nicht schön

Sie gehören zum Job wie ein Fisch ins Wasser gehört.
Man hat gelernt, wie es geht, man kennt den Ablauf, hat es schon ungezählte Male gemacht, kennt die Tricks.

Aber man kennt auch die Statistik.
Und die ist nicht eben hoffnungmachend.
Es ist ein bißchen wie der Tormann beim Handball: Man kann nur gewinnen. Nur hat der Tormann bessere Chancen.

Der Mensch, der da vor einem liegt, ist erstmal klinisch tot. Jede Veränderung der Situation ist eine Verbesserung, denn toter als tot kann er nicht mehr werden.

Man hantiert mit dem Equipment, man legt Zugänge, man defibrilliert, man drückt, man spritzt Medikamente.

Aus einem Kammerflattern wird ein breiter langsamer QRS, man atmet ein bißchen auf.
Aber Puls hats keinen. Man versucht den Rhythmus zu stabilisieren, aber es wird wieder ein Flattern. Man schockt weiter, Adrenalin, Amiodaron, man reanimiert weiter, hängt einen Perfusor hin, noch eine kalte Infusion. Die Pupillen sehen sogar noch gut aus.
Hin und wieder ein paar QRS-Komplexe, die aber immer breiter werden. Man lysiert.
Und drückt weiter. Und weiter. Und weiter.
Es kommen nicht mal mehr einzelne QRS-Zacken, egal wie breit. Das Flattern ist einer Asystolie gewichen. Die Hoffnung schwindet langsam, aber noch hört man nicht auf. Vielleicht reißt die Lyse noch was raus. Trotz der guten Herzdruckmassage werden die Pupillen weiter. Werden unrund. Wenn die Lyse jetzt nicht bald etwas verändert, verändert sich gar nichts mehr.
Keine Veränderung. Die Pupillen sind lichtstarr, weit. Rund ist auch anderes. Die Zyanose, die von Beginn an da war und auch nie weg ging, ist unverändert.

Schluß.
Der Mensch, der vor zwei Stunden noch nichts ahnend lebte, ist nun endgültig und unwiederbringlich tot.

Aufstehen, die Knie protestieren. Mit den Angehörigen sprechen, die es nicht fassen können. Das „Schlachfeld“ an leeren Verpackungen, Kabeln und Schläuchen aufräumen, Zugänge und Tubus wieder herausziehen. Durchatmen.
Papierkram ausfüllen, viele Zettel und Formulare. Je nachdem die Polizei oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen.
Nochmal mit den Angehörigen sprechen, die erstaunlich ruhig sind. Krisenintervention anbieten. Beileid aussprechen.
Wenn der ÄBD oder die Polizei da ist, Übergabe machen.

Und dann gehen. Denn der Dienst geht weiter, das Auto muß wieder einsatzbereit gemacht, Klamotten gewechselt werden.

The show must go on

Der nächste Einsatz kommt bestimmt. Und vielleicht hat der nächste mehr „Glück“ und etwas, daß er überleben kann.

19. Juni 2010 Posted by | Notarzt | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ja, ist denn schon Ostern…

Ein langer Dienst ist zu Ende…

Und wir hatten unseren Spaß. Keiner wirklich dramatisch krank, oder wenigstens nicht so, daß wir es nicht doch irgendwie hingebogen hätten.

Na gut, eine Patientin wollte nach spannungsfreiem Transport in der Notaufnahme dann doch kurzfristig die Grätsche machen, aber sogar die hats gerade nochmal geschafft.

Es gab das Übliche, ACS, Exacerbierte COPD (bei der ich mir jedesmal überlegen muß, wie man das schreibt), reihenweise Kreislaufkollapse (wen wunderts bei dem Wetter), Hypoglykämie (immer wieder dankbar), auch mal wieder eine Schwangere (unspannend, aber könnte heute nacht noch „muttern“).

Und eben unser „Suchspiel“. Hier gibt es einen Berg (naja, mehr als einen) und der hat eine Burg. Und von eben dieser Burg ist der Mensch hinuntergewandert. Und umgeknickt.

Beim Duell zwischen 130 Kilo Lebendgewicht und einem Sprunggelenk braucht man sich nicht ausmalen, wer gewonnen hat…

Das war nicht das Problem.

Das Problem war „…liegt an der Treppe am Abgang von der Burg…“

Öhm ja. Welche Treppe?

Jedenfalls wissen wir nun, wieviele Treppen es rund um diesen Berg gibt. Denn wir haben sie alle abgegrast. Erfolglos. Der Zivi im Retter ist heroisch mehrere kleine Wege hinuntergelatscht. Ohne Erfolg.

Aus einem „harmlosen“ Einsatz wurde ein Großaufgebot inklusive Feuerwehr.

Die alle den Patienten suchten… Ja, ist denn schon wieder Ostern?

Was sich auch als praktisch herausstellte, denn hol du mal 130 Kilo gehunfähigen Menschen irgendwo von einem steilen Waldweg.

Treppe? DAS soll eine Treppe sein?

Medizinisch war es unspannend. Klar. Aber 16 Mann (grob gezählt) und eine Frau auf einem Berg rumhatschen zu sehen bei brütender Hitze (wo bleiben die versprochenen Gewitter?) hat auch was.

Und hat mich etwas versöhnt mit den Jungs und Mädels. Denn nach der Aktion auf der Autobahn hatte ich etwas meine Bedenken.

(Wobei das am Cabrio lag und NICHT an den „Brandbadschern“ (und das meine ich durchaus liebevoll))

Es hat echt was, zehn Paar Hände mehr zu haben, die wissen wo sie hinlangen müßen und auch mal eben Improvisationstalent beweisen. Denn ohne die wären wir da wirklich in Schwierigkeiten gekommen. Und selbst so wären wir einmal fast gesammelt den Berg hinuntergekugelt.

Aber da half die reine „Manpower“ und Leute, die anpacken können. Wie eben unsere Feuerwehr.

9. Juni 2010 Posted by | Notarzt | , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ich bin in der Zeitung!

Naja, weder war es hektisch noch dramatisch und der erste Eindruck war auch schlimmer als die Person, die wir schliesslich Rettungswagen hatten.

Von vorne:

Ich bin zwar gerne Notarzt, aber ich brauch keine Äktschn. Die hektischen und dramatischen Rettungsaktionen, Menschen-aus-Flammen-retten und andere „Emergency-Room“-Geschichten dürfen gerne andere machen. Ich muß nicht Hubschrauber fliegen, ich brauche keinen Massenanfall von Verletzten und ich muß auch draussen keine Menschen vollständig heilen.

Aber das gehört zum Job. Hin und wieder geister ich auch mal auf einer der vielen Autobahnen herum, die es im Dunstkreis eben gibt.

Ich gebe zu, die Münchener Feuerwehr hat mich geschädigt. Einmal habe ich erlebt, wie die Jungs und Mädels da in fünf Minuten aus einer Limousine ein Cabrio gemacht haben.

Nur habe ich vergessen, daß hier eben NICHT die Münchener Berufsfeuerwehr zugange ist.

Und die zu Beginn tolle Idee das Dach mal eben abzunehmen geschlagene 25 Minuten dauern könnte. Nix gegen die Jungs.

Es war nicht weiter schlimm, der Zustand des Patienten war stabil, hämodynamisch mehr als stabil (nur, daß man mich nach 100 Ketanest S noch mitleidig anschauen kann, war mir neu), also keine Hektik nötig.

Der Verdacht auf ein Wirbelsäulentrauma bestand und da hilft alles nix. Karre war eh total Schrott, da macht das Dach auch nix mehr. Nur wars ein Cabrio…

Und da kommt die sonst so zuverlässige dampfbetriebene Blechschere eben NICHT mal eben durch die A-Säule. Scheints als wäre das Ding bei Cabrios eine ganze Spur härter als normal.

Nuja, irgendwie und mit viel Man-Power hatten wir den Mensch nach knappen 30 Minuten dann doch im Retter.

Und wenn man an den Mensch dann auch mal von allen Seiten rankommt stellt sich das Verletzungsmuster als nicht mehr ganz so dramatisch heraus. Die Hüftverletzung (stumpf) stellt sich als mögliche Rippenserie der unteren hinteren Rippen dar, Gräten bewegt er alle, Pulmo alles im grünen Bereich, HWS ist klar aber sowieso schon versorgt, Kristalloid und Kolloid ist drin, große  Zugänge gibts auch…

Also erstmal Kommando zurück: Doch keine Narkose.

Just in dem Moment der Kollege von der grünen Fraktion: „Ist mit einem baldigen Ableben zu rechnen“?

Ehrlich. Lernen die das auf der Polizeischule? Hallo? Der Patient IST zwar abgeschirmt aber WACH! In Anlehnung an die Kollegin Josephine will ich auch mal eine transportable Tischkante….

Der Rest ist schnell erzählt. Ab ins nächste Klinikum und den Schockraum, witzigerweise da der Unfall mit mehr als 30 km/h erfolgt ist und NICHT wegen den zunächst vermuteten Verletzungen. QM ftw!

Am nächsten Tag stehen wir gesammelt in der Zeitung, mitsamt recht zusammengereimten Sätzen des Journalisten.

Egal. Hauptsache dem Mensch gehts gut.

18. Mai 2010 Posted by | Notarzt | , , , , | 11 Kommentare

Entgleiste Gesichtszüge

Vor ein paar Monaten in einem der zahlreichen Notarztdienste…

Eine Nachforderung. Die RAs hatten schnell geschaltet (ist bei unseren der Normalfall), die richtige Diagnose gestellt und mich gerufen. Der NEF-Fahrer kannte sogar den Patienten, er war vier Wochen zuvor von einer Leiter gekugelt und hatte sich ein paar Rippen zerbröselt.

Und nun hatte er eine Lungenembolie. Und zwar eine richtig Fette.

Frequenz von 120, Druck von 160, Sättigung initial 50, bei meinem Eintreffen dann bei knappen 70, Tachypnoe und insgesamt kurz vorm abnippeln.

Also kurz das Risiko einer Blutung gegen die Lungenembolie angewägt und dann  heroisch 6000 Metalyse reingedrückt.

Und dann auf die glorreiche Idee gekommen, den Patienten zu fragen ob er sonst noch Schmerzen hat.

Ja, hätte er. Die Narbe täte noch weh. (Narbe?)

Ja, die Narbe wo sie ihm vor drei Wochen die Milz ausgebaut hatten…

Wah! Wie krieg ich die Metalyse da wieder raus?

Ich war doch so gerne Arzt…

Kurz zur Seite getreten, im Kitteltaschenbuch nach den Kontraindikationen für eine Lyse gesucht (und natürlich nicht gefunden).

Wurscht, hilft nix. Passiert ist passiert und ohne Lyse (Kontraindikation hin oder her) wären wir ziemlich fix bei einer erfolglosen Reanimation gelandet. Also den armen Mann eingepackt und mitsamt hochnervösem Notarzt (mir) ins nächste große Klinikum verfrachtet.

Unterwegs besserte sich der Zustand zusehends. Die Sättigung kletterte auf knapp über 90%, die Atmung wurde besser.

Im Klinikum die erste BGA. Nicht doll, aber immerhin…

Danach nochmal in Ruhe nach den Kontraindikationen für eine Lyse gesucht und auch gefunden. Da stehts: Große OP in den letzten zwei Wochen…

Plonk! machte der Stein, der mir da vom Herzen fiel.

Ich bin dann nochmal in die Notaufnahme gedackelt und fand einen fast normal atmenden Patienten mit einer Sättigung von 96%.

Der auch zwei Tage später auf einer Normalstation lag…

Im Fazit kann man also sagen, daß ich die Kontraindikationen für eine Lyse NIE wieder vergessen werde. Aber auch, daß ich im Nachhinein diesen Menschen so oder so lysiert hätte. OP hin oder her. Ohne Lyse würde er sich jetzt die Radieschen von unten angucken.

15. Mai 2010 Posted by | Notarzt | , , | 2 Kommentare