Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Sauerstoff bei Herzinfarkt

Seit ich denken kann und mit dem Job auch nur am Rande etwas zu tun hatte galt die eiserne Regel, daß ein Herzinfarkt Sauerstoff bekommt.

In jeder formalen Ausbildung zu dem Thema wurde mir das so gelehrt. Ob das nun irgendwann mal ein Erste-Hilfe-Kurs war, oder die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Da wurde „MONA greets all patients“ eingebleut.

Aber wie das oft so ist: Was logisch klingt, ist noch lange nicht auch richtig. Physiologisch in erster Näherung macht das ja auch Sinn: Zuwenig Sauerstoff am Herz, also mehr Sauerstoff anbieten.

Seit ein paar Monaten geistert die Geschichte herum, daß das womöglich gar nicht so stimmt. Denn wie bei anderen Dingen ist das erstmal nur eine Idee. Die sinnvoll klingt. Und dann auch kaum noch hinterfragt wird.

Mitte 2010 hat eine spanische Gruppe sich mal angesehen, wie denn die Datenlage da so aussieht. Metanalyse nennt sich das: Man nimmt die Studien dazu und führt sie zusammen.

Heraus kam, daß es nur drei davon gibt, die wirklich was taugen. 387 Patienten, die zufällig entweder Sauerstoff oder Raumluft bekamen. Resultat: Mit Sauerstoff mehr Tote.

Klingt erstmal erschreckend. Sofort Sauerstoff verbieten!

Nur ist es leider so einfach dann doch nicht. Denn 387 Patienten sind nicht viele, das Ergebnis alles andere als deutlich. Vor allem, wenn man bedenkt, daß in der gesamten Gruppe gerade mal 14 Menschen starben.

Statistisch heißt das nichts. Allerdings in beide Richtungen. Weder, daß Sauerstoff beim akuten Myokardinfarkt einen positiven noch, daß es einen negativen Effekt hat.

Halten wir also erstmal fest: Wir wissen nicht, ob die Idee mit dem Sauerstoff wirklich etwas bringt, ob der angebotene Sauerstoff auch wirklich am Myokard ankommt. Wir wissen auch nicht, ob es schadet.

Wir wissen aber auch, daß eine Hyperoxie negative Folgen haben kann. Aber wir wissen nicht, ob sich das so problemlos auf einen akuten Myokardinfarkt anwenden läßt.

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt momentan, bei Patienten ohne Hypoxiezeichen (wobei eine konkrete SaO2-Sättigung nicht angegeben wird) auf Sauerstoffgabe zu verzichten, bis entsprechende Studien in größerem Rahmen eine wirklich neue Richtlinie erlauben.

Eine Richtlinie die die Ergebnisse (die wenigen, die da sind) berücksichtigt, wird für 2012 erwartet.

Ich persönlich halte es in der Praxis mittlerweile so, daß ich oberhalb einer peripheren Sauerstoffsättigung von 97% keinen Sauerstoff anbiete, unterhalb aber wie gewohnt, solange nicht zusätzliche Anzeichen einer Herzinsuffizienz oder einer Atemnot bestehen.

Im Fazit muß man aber sagen, daß auch für diese Vorgehensweise die tatsächlichen Daten nicht da sind. Und egal, wie man es jetzt selbst handhabt, man ein Auge auf neue Erkenntnisse haben sollte.

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22. Oktober 2011 Posted by | Daily Buisness, Notarzt | , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ach, DASS wars…

Nachdem in den Kommentaren ja letzt der Punk abging, habe ich mir meinen Artikel noch mehrere Male durchgelesen.

Ich glaube gefunden zu haben, was den Kollegen Hausarzt so auf die Palme brachte.

Und zwar muß es der Satz mit dem „Facharzt für leicht erkennbare Krankheiten“ gewesen sein, der da offenbar einen Nerv getroffen hat. Denn der Rest meines Posts kann beim besten Willen nicht als Angriff auf die Hausärzte gewertet werden.

Und? Gynäkologen sind „Höhlenforscher“ oder „Fruchtwasserkapitäne“, Chirurgen sind „Handwerker“, Unfallchirurgen machen „Lego für Erwachsene“, Kardiologen sind „Pumpenspezialisten“, Proktologen schweissen am Auspuff rum, Urologen sind Klemptner.

Und Anästhesisten? „Holzhammerschwinger“, „Schnarchabteilung“, „Beutelquetscher“ oder generell am Schlafen.

Notärzte? „Straßengrabenmedizin“, „Blaulichtgeil“ oder ähnliches.

So what?

Von derartigen Begriffen gibt es viele. Kein Grund zur Aufregung.

Nur hat sich dieser Kollege dadurch wohl in seiner Ehre getroffen gefühlt. Das war nicht meine Absicht.

Mein Artikel war nicht an alle Hausärzte gerichtet, ebensowenig, wie ich über alle Chirurgen in einem anderen Artikel hergezogen bin.

Manche Notärzte machen Unsinn, manche Chirurgen denken nur an die OP, manche Gynäkologen fragen zig Mal, ob denn nun 120.000 Thrombos für einen PDK nun reichen und manchen Hausärzte (oder überhaupt Ärzte) haben nicht viel Ahnung von Notfallmedizin. Und ich habe keine große Ahnung von Antibiotika oder der Therapie von gynäkologischen Erkrankungen.

Und? Ich versuche einem Gynäkologen nicht seinen Job zu erklären und er versucht nicht, mir die Akutmedizin oder die Akutschmerztherapie zu erklären. Oder ich erkläre nicht meinem Schwipp-Schwager, wie er Möbel zu bauen hat.

In diesem Fall hat wohl der Eingangssatz den Kollegen davon abgehalten, den Rest des Artikels objektiv zu sehen. Kommt ja vor. Alles kein Drama.

Was ich allerdings dann doch etwas daneben fand war ein teilweise eher persönlicher Angriff.

Nun gut, auch das kommt vor. Hitzige Unterhaltungen oder Debatten können schon mal ausarten. Liegt in der Natur der Sache.

Allerdings sollte man schon sachlich bleiben. Was meiner Meinung nach dem (bewußt ungenannten) Kollegen wohl nicht so recht gelungen ist.

Thema abgeschlossen.

3. Dezember 2010 Posted by | Allerlei, Notarzt | , , , | 1 Kommentar

Buisness as usual

Heute wars ein entspannender Tag im OP. ASA I und II, das meiste Stand-By.

Auch mal wieder nett.

Und wie das immer so ist, man kommt natürlich nicht mit jedem aus.

Mit manchen Leuten hat man einfach ein gespanntes Verhältnis, kann sich von Anfang an nicht riechen. Das kann der Arzt sein, der sich benimmt wie Rotz am Stil (hatte ich heute auch, aber nicht mir gegenüber und auch eine andere Richtung), daß kann die Pflegekraft sein, die mir meinen Job erklären will und bei jeder Intubation „Paß auf die Zähne auf“ von sich gibt…

Gut, aber heute wars (trotz der Aversion) eher positiv. Denn wir beide haben es geschafft – trotz gegenseitigem „Nicht-leiden-könnens“ – Profis zu sein.

Ich muß mit der Person nicht in den Biergarten gehen und umgekehrt sie nicht mit mir. Aber wir sind Profis und bei der Arbeit geht es nicht um uns.

Also haben wir beide den Ärger heruntergeschluckt und gut zusammen gearbeitet. Natürlich machts mehr Spaß, wenn man dabei ein paar Witze reissen kann, aber so gehts auch.

Insgesamt also ein geruhsamer Tag, leider keine Anekdoten. Aber die will in dem Zusammenhang auch keiner hören…

21. Mai 2010 Posted by | OP | , , , | Hinterlasse einen Kommentar