Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Noch so was: Der Sellick-Handgriff

Noch so eine Sache, die in allen Lehrbüchern steht, immer beigebracht wird, die aber nie hinterfragt wird.

Der Sellick-Handgriff oder auch Krikoiddruck.

Beschrieben 1961 von Brian Arthur Sellick, aber schon 1774 in Großbritannien erwähnt und soll der Verhinderung von Aspirationen bei nicht nüchternen Patienten dienen.

Klingt auch logisch: Mit dem Ringknorpel die Speiseröhre komprimieren und sie so quasi verschliessen.

Aber jetzt kommts: STIMMT das überhaupt?

Tja. Und da muß man sagen: Irgendwie nicht so richtig. Wenn man da mal die Literatur durchforstet findet man ausser Sellicks Idee eigentlich keine harten Daten dazu, keine Studien, nichts.

Steinmann und Priebe haben sich im Anästhesist 2009 damit auseinander gesetzt.

Jeder der schon mal unter Krikoiddruck intubiert hat weiß, daß es damit deutlich schwerer wird. Der Kehlkopf wird verschoben (was man sich ja beim BURP-Manöver auch zu Nutze machen kann), oft auch noch zusammengedrückt und die Intubation (die ja in den Fällen, i.e. bei nicht nüchternem Patienten schnell gehen soll) damit erschwert. Zusätzlich sind auch Kehlkopfschäden möglich durch den komprimierten Kehlkopf. Auch das logisch: Wenn ich die Stimmbänder (die ich ja eigentlich relaxiert und offen habe) wieder zusammendrücke und den Tubus dazwischen durch friemeln muß, wird das den empfindlichen Stimmbändern nicht gefallen.

Die europäischen Richtlinien zur Reanimation von 2005 erwähnen ihn nur noch nebenher und empfahlen ein Loslassen nachdem der Tubus ist, wo er hingehört.

Im Fazit muß man also wohl sagen, daß bei einem völligen Mangel an Belegen für einen Nutzen aber eindeutigen negativen Punkten der Sellick-Handgriff – so logisch er schien – wohl in die Kategorie „Sagen unserer Zeit“ gehört und damit wohl nicht mehr angewendet werden sollte (Alle anderen Maßnahmen für eine RSI oder Ileus-Einleitung – Absaugung, Oberkörperhochlage etc. – bleiben unbenommen).

Anders natürlich das oben erwähnte BURP-Manöver, daß einem ganz anderen Zweck dient (nämlich Erleichterung einer schwierigen Intubation).

Wie man sieht, nicht alles, was wir so machen in der Medizin und im Rettungsdienst ist in Stein gemeißelt und da die moderne Medizin als jüngste der Wissenschaften immer im Wandel ist kommt man nicht darum herum auf dem laufenden zu bleiben und früher oder später alles zu hinterfragen.

(Quelle)

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23. Oktober 2011 Posted by | Daily Buisness, Notarzt | , , , , | 1 Kommentar

Ein Wort zur Pflege

Weil mir in meinem letzten Post der Satz „wenn die Pflege was kann“ (so in etwa) im Kopf rumrumort ist, hier ein paar Worte dazu.

Ohne Euch wären wir angeschmiert.

Einmal natürlich generell. Auf den Stationen liefe ohne Euch nichts. Ihr kennt die Patienten besser als wir, ihr seht sie öfter, ihr verbringt mehr Zeit mit ihnen.

In meiner chirurgischen Vergangenheit, dereinst im AiP und auch später wäre ich ohne Euch wirklich verlassen gewesen.

Gut, mittlerweile mache ich den Job auch schon ein paar Tage, aber damals? Wenn ich es so genau betrachte, habe ich das Meiste von Euch gelernt.

Stichwort Nadeln legen. War am Anfang ein echtes Problem für mich. Ging so halbseiden. Bis ein Pfleger mal zusah. Und sofort meinen Fehler sah.

Meinen Dank rückwirkend und unbekannterweise. Ich weiß nicht mehr, wie du hießt, aber von dir habe ich das gelernt.

Oder Stichwort nächtlicher Hausdienst, als ich noch bei der schneidenden Zunft war und auf Stationen rumhampelte.

Denn das lernt man schnell und sollte sich jeder Anfänger in dem Job hinter die Ohren schreiben:

Wenn eine Schwester, die schon lange im Job ist, dir sagt, daß ihr der Patient nicht gefällt, dann SIEH in dir an! Da reden im Extremfall 40 Jahre Berufserfahrung. Und du hast wieviel? Eins? Zwei?

Die riechen, wenn da was faul ist. Lange bevor irgendein Laborparameter oder ein Ultraschall irgendwas zeigen würde.

Gut, bei mir sinds nun zehn Jahre. Aber ich habe das beibehalten. Ich rieche mittlerweile auch was. Aber die Pflege riechts schneller.

Noch extremer natürlich auf der Intensiven.

Im OP ist das auch nicht anders. Ohne Euch ginge keine Einleitung. Nicht sinnvoll, nicht gut. Einmal einfach weils zwei Hände zuwenig sind.

Und zum anderen, weil Ihr den Job auch schon lange macht. Und so ganz unscheinbar die Frage „Willst du da eine Arterie legen?“ mir mehr als einmal den Arsch gerettet hat. Weil ich es mir dann überlegt habe. Und dann „Hm… du hast recht. Laß uns mal machen.“

Und prompt einer einkracht bei der Einleitung. Und wenn der Druck erstmal weg ist, legt sich so eine Arterie ausgesprochen sch…..e.

Die Ausleitung… na gut. Wenn alles glatt geht, kein Problem. Krieg ich auch mal alleine hin. Aber WENN was nicht wie geplant läuft, gehen einem GANZ schnell die Hände aus. Und wenn die Hände dann auch noch wissen, was sie tun, ist schon beinahe alles gewonnen.

Natürlich gibt es auch in der Pflege Anfänger. Kein Problem.

Es gibt auch Faule und Unfähige. Aber nicht viele. Faul wüßte ich aus dem Stand nur einen. Und DER hat sich meinen Anranzer (der mir hinterher wirklich leid tat) zu Herzen genommen. Und denkt mittlerweile mit.

Unfähige? Keine. Ich wüßte niemand. Wirklich. Aber die Theorie sagt, daß es die auch gibt.

Natürlich ist gerade bei mir das für die Pflege nicht ganz einfach. Man kennt mich nicht, man weiß nicht, was ich kann, was ich wie mache oder machen will.

Ich persönlich halte mich da für pflegeleicht. Ich erfinde nicht das Rad neu, muß nicht in einem Krankenhaus das ich nicht kenne, unbedingt meine Sorte der Narkose durchsetzen. Ich muß nicht unbedingt irgendwas so machen, wie ich das will, nur weil ich es so gewohnt bin.

Ich nehme, was da ist. Wenn die TIVA gerichtet ist, nehme ich die TIVA. Ich bin zwar kein besonders großer Fan davon (ausser es gibt echte Gründe dafür), aber deshalb muß ich nicht alles umnudeln. Ich kann die auch.

Wenn man mich fragt, was ich denn gerne hätte, ist das was anderes.

Aber ich hatte erst einmal wirklich ein Problem mit der Pflege. Und das Krankenhaus sieht mich auch nie wieder. Weil das Problem da nicht die Pflege selbst war, sondern die ganze Art.

Wobei mir der Pfleger schon auf den Senkel ging.

Ich hatte mich erdreistet, die Alarmgrenze für Desflurane bei einem jungen Patienten von völlig unsinnigen 6 höher zu stellen.

„Das machen wir hier nicht so.“

Kann ja sein, aber da machts keinen Sinn.

„Das machen wir hier aber nicht so!“

Sagtest du schon. Der MAC ist aber höher. Und der brauchts auch.

„Ja, aber das machen wir hier nicht so!!“

Gibts dafür auch einen Grund?

„Wir machen das nicht so und ich mache den Job schon 30 Jahre!einself!“

Ah ja. Ok. Aber ich machs.

Das ging dann noch eine Weile so weiter. Vernünftigen Grund gab es keinen. Lachgas war auch nicht dabei (falls ein Fachmann fragt). Gift gabs auch reichlich. PONV gabs keine. Der MAC von Desflurane war in dem Fall irgendwo bei 7,5.

Ich bin ja dumm, aber lernfähig. Ich hatte auch schon mal „Das macht man nicht mehr, weil…“

Wenn es eine Begründung gegeben hätte, wäre ich der Letzte, der nicht dazulernt.

Gab es da aber nicht.

Gut, da gab es noch andere Probleme. Und die muß ich mir nicht antun. Ich weiß, daß wir Honorarärzte manchmal schwer einzuschätzen sind. Und gebe mir Mühe, die Probleme so klein wie möglich zu halten.

Bei Kritik überdenke ich auch schnell mal mein Handeln. War auch in diesem Falle so. Der MAC für das Gas IST nunmal wo er ist.

Um das klarzustellen: DAS war die absolute Ausnahme. Die einzige Ausnahme.

Also:

Liebe Pflege: Ohne Euch kann ich einpacken. Ohne Euch geht NICHTS.

Und ich weiß das.

Danke.

1. Mai 2011 Posted by | Honorararzt | , , , , | 5 Kommentare

*Rant* – Ein bißchen was von allem

Im Prinzip ist Anästhesie, wenn alles glatt läuft und man die ASA I-II Patienten (ASA III wird schon spannender, meistens aber auch nicht) hat, so aufregend wie Gras beim Wachsen zu zusehen.

Ein wenig Arbeit bei der Einleitung und bei der Ausleitung und ansonsten sich einen Dekubitus am Hintern holen. Mit ein wenig Glück hat man eine Pflegekraft, die:

A.) Was kann und

B.) Einen hin und wieder mal für ein paar Minuten rausläßt.

Zum einen gibts in vielen OPs so eine Art Frühstück, lustigerweise meistens eine Suppe und zum anderen tut bei Narkosen mit hohem Somniferenzrisiko der Kaffee zwischendrin ganz gut.

Für uns Suchtkrüppel leider die schlechte Nachricht: Wirklich rausgehen und mal eine rauchen fällt flach. Zu weit weg.

Solche Minipausen würden also nur zwischen den OPs gehen. Aber genau da geht es nicht, weil das normalerweise die Überleitungszeit ist und jede Minute, die man da mit so was verbringt, nicht vertretbar ist.

Manchmal geht’s trotzdem. Patient noch nicht da (Erstes Mangold’sches Gesetz: „Ein Patient der nicht da ist, kriegt keine Narkose“), oder irgendwo anders personelle Engpäße, so daß man eh grad nichts zu tun hat.

Wobei diese ewige Kiste mit dem Rumgemecker über die Überleitungszeiten, die ach so oft der Anästhesie angekreidet werden.

Stand vor zwei Wochen oder so in einem Medizinblatt (DGAI? Irgendsowas). Die übliche Überleitung dauert 26 Minuten. Mindestens müßen es 15 Minuten sein, weil das Desinfektionsmittel ja erstmal einwirken muß.

Mit viel personellem Aufwand könnte man auf diese 15 Minuten kommen. Macht also ~10 Minuten Zeitersparniss.

Und da kann sich nu jeder, der in Mathe auch nur so halbwegs aufgepasst hat ausrechnen, daß die paar Minuten bei drei oder vier OPs pro Tag keine zusätzliche OP möglich machen. Bei sechs oder sieben OPs kriegt man vielleicht noch eine kleine unter, aber sogar das ist fraglich.

Sicher, es gibt Einleitungen, die dauern länger. Wenn man das weiß und die entsprechend plant, so daß mit einem Kollegen überlappt werden kann, dann kann man da viel Zeit sparen.

Geht halt nur nicht immer.

Und – was jedem Gasmann sicher schon passiert ist – sich hetzen lassen geht schief. Und es geht keinen Furz schneller.

In dem Haus hier, daß muß ich ehrlich sagen, wird weder gedrängelt noch gehetzt. Da wird vielleicht mal gestichelt. Aber in beide Richtungen. Und normalerweise gutmütig.

Natürlich gibt es hier auch den Hauscholeriker. Den gibts überall.

Die Fachrichtungen wechseln, die Namen, das Geschlecht. Aber geben tut es so einen nach meiner Erfahrung überall.

Eine Fachrichtung hat solche Choleriker mit fehlender Kinderstube zwar besonders oft, aber mittlerweile kenne ich die quer durch die operativen Fächer.

Wenn diese Menschen wüßten, wie wenig mich das Getöse kratzt…

Im Gegenteil. Für nette Menschen macht man gerne auch mal mehr möglich.

Für unhöfliche Leute eben nicht. Muß er halt auf den Saalspringer warten, damit der Tisch gefahren wird. Oder bis er was ausgepackt kriegt.

Da hilft dann alles Gezeter nichts. Und sich über mich beschweren bringt noch weniger.

Im Extremfall dann eben keinen mehr, der die Narkose macht. Nicht zwischendrin, natürlich. Aber die nächste OP könnte sich dann etwas verzögern.

Ich hab sowas schon gemacht. Habe meinen letzten Patienten nach Ende der OP sauber ausgeleitet, in den Aufwachraum gebracht und mich dann ins Wochenende verabschiedet.

War ja auch schon eine Stunde über die Zeit. Freitags. Fünf Uhr.

Erntete unverständige Blick.

„Ja, wie, der nächste Patient ist doch schon da?“

Jop. Und deshalb hab ich euch auch gesagt, daß ihr, wenn ihr den bestellt, euch auch gleich Gedanken darüber machen könnt wer ihn in den Schlaf singt.

„Ja, aber der arme Patient!“

Na, den Text lieb ich ja heiß und innig. Zu dämlich ein machbares OP-Programm zu schreiben, so daß elektive Punkte weit nach Feierabend dran kommen müßten und DANN mit dem Argument kommen, daß der Patient ja schon so lange wartet.

Ja nee, is klar. Ihr kriegt keine vernünftige OP-Planung hin und deshalb sollen drei Abteilungen (zusätzlich zu eurer eigenen) Überstunden dreschen?

Kann ja sein, daß solche Gimicks mit Angestellten gehen. Oder die es mit sich machen lassen.

Als Honorararzt hab ich ja nichts gegen Überstunden. Aber NICHT Freitags, wenn der Weg nach Hause weit ist und das Wochenende sowieso schon kurz.

Notfälle, nur um das mal klarzustellen, sind was anderes. Sowas kommt vor und da bin ich der letzte, der sich weigert. Dafür mach ich gerne länger. Sonst wär ich nicht in dem Job.

Auch wenns hin und wieder ungeplant mal länger dauert. Kann ja mal vorkommen. OP mal komplizierter oder ein Notfall kommt dazwischen. Kein Problem. Sowas passiert.

Aber da gibts Kankenhäuser, da schaust du morgens auf den OP-Plan und WEISST, daß das nichts wird. Nichts werden kann. Nicht vor Mitternacht.

Und je nach Krankenhaus gibt es dann zwei Reaktionen.

Die einen zucken mit den Achseln, lassen die Schultern sinken und ergeben sich in ihr Schicksal.

Aber es geht auch anders. Setzt natürlich einen OP-Koordinator voraus, der sein Pulver wert ist.

Der ruft dann freundlich lächelnd den Verantwortlichen der Operativen Fächer an mit den Worten: „Willst du was absetzen oder soll ich mir was aussuchen?“

Und SETZT dann auch ab.

🙂

Da dann die Reaktion so manches Chirurgen zu sehen… Herrlich!

*Wutschnaub* „Dann wird die Galle eben zum Notfall!einself!“
(Die Galle, die seit drei Tagen im Haus ist und sich aber sowas von im beschwerdefreien Intervall befindet)

Noch besser dann, wenn die Antwort so ausfällt:
„Gut, dann machts der Dienst. Aber die anderen haben auch noch Notfälle zu operieren. Ich würde sagen, ihr seid dann so gegen drei Uhr dran. Morgens.“

Und da fällt dann selbst dem Hauscholeriker nichts mehr ein.

28. April 2011 Posted by | Honorararzt, OP | , , , , | 3 Kommentare

Ach, DASS wars…

Nachdem in den Kommentaren ja letzt der Punk abging, habe ich mir meinen Artikel noch mehrere Male durchgelesen.

Ich glaube gefunden zu haben, was den Kollegen Hausarzt so auf die Palme brachte.

Und zwar muß es der Satz mit dem „Facharzt für leicht erkennbare Krankheiten“ gewesen sein, der da offenbar einen Nerv getroffen hat. Denn der Rest meines Posts kann beim besten Willen nicht als Angriff auf die Hausärzte gewertet werden.

Und? Gynäkologen sind „Höhlenforscher“ oder „Fruchtwasserkapitäne“, Chirurgen sind „Handwerker“, Unfallchirurgen machen „Lego für Erwachsene“, Kardiologen sind „Pumpenspezialisten“, Proktologen schweissen am Auspuff rum, Urologen sind Klemptner.

Und Anästhesisten? „Holzhammerschwinger“, „Schnarchabteilung“, „Beutelquetscher“ oder generell am Schlafen.

Notärzte? „Straßengrabenmedizin“, „Blaulichtgeil“ oder ähnliches.

So what?

Von derartigen Begriffen gibt es viele. Kein Grund zur Aufregung.

Nur hat sich dieser Kollege dadurch wohl in seiner Ehre getroffen gefühlt. Das war nicht meine Absicht.

Mein Artikel war nicht an alle Hausärzte gerichtet, ebensowenig, wie ich über alle Chirurgen in einem anderen Artikel hergezogen bin.

Manche Notärzte machen Unsinn, manche Chirurgen denken nur an die OP, manche Gynäkologen fragen zig Mal, ob denn nun 120.000 Thrombos für einen PDK nun reichen und manchen Hausärzte (oder überhaupt Ärzte) haben nicht viel Ahnung von Notfallmedizin. Und ich habe keine große Ahnung von Antibiotika oder der Therapie von gynäkologischen Erkrankungen.

Und? Ich versuche einem Gynäkologen nicht seinen Job zu erklären und er versucht nicht, mir die Akutmedizin oder die Akutschmerztherapie zu erklären. Oder ich erkläre nicht meinem Schwipp-Schwager, wie er Möbel zu bauen hat.

In diesem Fall hat wohl der Eingangssatz den Kollegen davon abgehalten, den Rest des Artikels objektiv zu sehen. Kommt ja vor. Alles kein Drama.

Was ich allerdings dann doch etwas daneben fand war ein teilweise eher persönlicher Angriff.

Nun gut, auch das kommt vor. Hitzige Unterhaltungen oder Debatten können schon mal ausarten. Liegt in der Natur der Sache.

Allerdings sollte man schon sachlich bleiben. Was meiner Meinung nach dem (bewußt ungenannten) Kollegen wohl nicht so recht gelungen ist.

Thema abgeschlossen.

3. Dezember 2010 Posted by | Allerlei, Notarzt | , , , | 1 Kommentar

Freelancer

Die letzten Wochen waren zwar arbeitsreich, aber insgesamt ereignisarm.
Die Woche durchgehender Notarztdienst gestaltete sich als Erholung, der Weg hin und zurück dank des neuen (gebrauchten) fahrbaren Untersatzes als entspannt.
Auch medizinisch nichts Aufregendes zu berichten. Anscheinend sind die Leute momentan eher gesund. Liegt vielleicht am Wetter.

Der Medizynikus hat mich zu Recht zu den „glücklichen Ärzten“ gerechnet und der Aussage von Josephine schliesse ich mich an: Hier bin ich und hier will ich sein.

Denn so ist es. Wobei es für viele im Umfeld, ob das jetzt ehemalige und gegenwärtige Kollegen oder die Rettungsleute sind, anscheinend unverständlich ist.

Ich weiß dann auch nicht, wie ich das vermitteln soll.
Es läßt sich nicht aus Geld reduzieren. Das ist gut. Nicht so gut, wie manche glauben, aber auch nicht schlecht.

Ich arbeite auch nicht weniger als früher. Im Gegenteil. Ich habe diesen Sommer sogar vergessen, mir einen Urlaub einzuplanen. Ich habe manchmal etwas Leerlauf, aber Bürozeiten sind ja auch Arbeit und der Leerlauf wird dafür gebraucht.

Aber ich arbeite nicht mehr fremdbestimmt. Ich mache meinen eigenen Dienstplan. Genaugenommen ist es fast die gleiche „Mühle“ wie zuvor, aber ich teile sie mir selbst ein und zu.

Wenn ich den OP mal nicht mehr sehen kann, plane ich mir Notarztdienste ein.
Wenn ich mal Lust auf einen Tapetenwechsel habe, nehme ich einen Auftrag in WeitWeg an. Oder in GanzWeitWeg.
Wenn ich Zeit mit meinem Nachwuchs verbringen kann, baue ich mir ein langes Wochenende in den Plan. Ich muß keinen Urlaub ein Jahr im Voraus planen oder Urlaubszettel abgeben.

Natürlich erkaufe ich mir diese Freiheit mit fehlender Sicherheit. Wenn ich krank werde, zahlt die Krankenkasse erst nach sechs Wochen. Wenn mal keine Arbeit da ist (kommt vor) verdiene ich auch nichts und kann nicht wie ein Angestellter trotzdem hingehen und Zeit absitzen. Früher nach Hause gehen kostet mich Geld.
Wenn ich im Stau stecke, kostet mich das Geld.
Das irgendwo anders wieder reingearbeitet werden muß.
Einen bezahlten Urlaub gibt es nicht.

Meine Arbeitsmoral hat sich auch verändert.
Wenn man Tag um Tag wie ein Hamster im Rad hängt, bleibt die Lust schon mal auf der Strecke und ab und zu knappst man sich ein bißchen bezahlte Erholungszeit ab. Eine Rauchpause hier, ein paar Minuten mehr Mittagspause…
Seit ich Freelancer bin, achte ich peinlich genau auf meine Zeiten. Ich rechne genau ab, runde eher ab als auf. Die 30 Minuten Pause werden eher zu kurz als zu lang.
Wenn die OPs mal leer laufen und ich eigentlich nicht gebraucht werde, biete ich schon mal an, früher zu gehen und die Zeit nicht zu berechnen, obwohl das im Rahmen des Vertrages möglich wäre. Ich werde bezahlt und gedenke für diese Zeit auch zu arbeiten.

Nicht, daß dies als Angestellter nicht auch so war, aber man wurde schon auch ausgenutzt, die verschiedenen Verwaltungen verrechnen sich immer mal wieder mit den Stunden oder zahlen Dienste nicht aus (warum eigentlich immer nur zu Ungunsten der Mitarbeiter? Ein Schelm, wer böses dabei denkt…).
Oder Nachtdienste, die nicht wirklich Geld brachten und am Ende auch noch Minusstunden auf dem Zeitkonto zur Folge hatten.
Da sinkt dann schon mal die Moral und damit kann dann schon mal die vertragliche Arbeitszeit bei einer Tasse Kaffee auf die acht Stunden gebracht werden, bevor man früher ausstempelt.

Alles nicht mehr. Ich bin meinen Auftraggebern verpflichtet und erbringe ehrliche Arbeit. Ich will nicht bezahlt rumsitzen. Lieber gehe ich früher und werde dafür eben nicht bezahlt.
Ebenso diese unsäglichen Minusstunden nach Nachtdiensten. Passe. Da ich kein Stundenkonto habe, gibt es auch keine Minusstunden mehr.

Auch mein Umfeld merkt das. Als Hamster im Rad, mit eigentlich nichts ausser Arbeit im Kopf, wird man unsozial. Und seien wir mal ehrlich: Welcher Nicht-Mediziner will schon länger mit jemand reden, der nur von seinem Job erzählt? Ehemalige Kollegen sind überrascht, wie entspannt ich bin.

Hat auch einen Nachteil: Da der Stress fehlt, beginne ich ein bißchen anzusetzen. ICH! Der ich nicht mal eine Waage besitze. Der komme was da wolle immer das Gleiche wog! Am Ende muß ich fauler Hund noch Sport machen…

So wie ich meinen Beruf ausübe, habe ich alles was ich will. Ich habe die Macht über mein Leben. Ich komme rum, sehe neue Städte, lerne neue Menschen kennen, neue Arten meinen Beruf zu machen. Muß mich zwar immer wieder neu anpassen, aber das mache ich gerne. Es macht Spaß!

Und dieser Spaß am Beruf und am Leben war bevor ich Freelancer wurde, dabei sich zu verabschieden. Gut möglich, daß sich da auch ein Burn-Out anbahnte.

Auch eine Art der Therapie, die ich jedem empfehlen kann: Wenn du es nicht mehr aushältst, dann ÄNDERE etwas. Geh ein Risiko ein. Versuch was Neues.

Dieser Schritt war die beste Entscheidung, die ich in einer Ewigkeit getroffen habe.

Hier bin ich und ich will hier nicht weg.

1. Oktober 2010 Posted by | Honorararzt | , , | Hinterlasse einen Kommentar

Herbststimmung

Tja, die warmen Tage scheinen vorbei zu sein…

Auf unserem Marktplatz wird es abends leerer. Die wenigen, die der Kälte trotzen haben dicke Klamotten an und man hat das Gefühl, sein Feierabendbier gegen einen Glühwein tauschen zu wollen.

Nachdem ich die letzten beiden Monate einen eher unregelmäßig Rhythmus hatte und meinen Lebensunterhalt mit diversen Notarztdiensten bestritten habe, bin ich diese beiden Wochen wieder in einem OP.

Auch mal wieder nett, geruhsame Narkosen, bißchen dies, bißchen das…

Nur gewohnt bin ich es nicht mehr. Früh aufstehen, hoffen, daß die Mühle anspringt (nicht das Ding mit zwei Rädern… bei dem Wetter ist Pendeln besser mit vieren), und dann ran an die Buletten.

Es ist wirklich mal wieder angenehm, einen „geregelten“ Tagesrhythmus zu haben. Nur bin ich abends doch ziemlich gerädert… Entweder liegts am frühen aufstehen oder die Gasabsaugung tut nicht so ganz, was sie soll.

Die letzten Tage kam ich nach Hause, kurz an den Computer gesetzt und dann fröhlich vor mich hingenickt. Da ists auch nicht viel mit bloggen…

Es kann auch sein, daß diese Woche noch immer in den Knochen steckt. Nun ja. Ich bin auch keine 20 mehr…

Apropos Karre. Meine alte Kiste (und das Ding ist WIRKLICH alt) macht gerade wieder etwas Sperenzien. Nix wildes, aber gestern durfte ich im Krankenhaus nach einem Starterkabel fragen. Möglichst mit einem zugehörigen anderen Auto, um meine Laube wieder zum laufen zu bekommen.

So ist das eben mit den alten Dingern: Da hats keinen Summer, der einem sagt, daß die Lichter noch an sind, wenn man aussteigt…

Was in der Übersetzung heißt, daß ich mich demnächst doch mal nach einem anderen Untersatz umsehen muß. Jemand Interesse an der alten Rostgurke?

Jedenfalls habe ich ein paar Ideen, was meine nächsten vier Räder angeht. Zu meiner mittelgroßen Überraschung sind die gar nicht mal SOOO teuer. Vielleicht nimmt auch irgenwer die goldene Schleuder in Zahlung. JETZT käme die Verschrottungsprämie gut. Aber der Zug ist ja abgefahren. Aber so wie ich unsere Autoindustrie kenne… wer weiß?

Wobei es mir sowieso widerstrebt, mich nach einem neuen Vehikel umzusehen. Damit fährt man vom Hof und ist gleich 30% des Wertes los…

Jedenfalls hat mir jemand den Floh ins Ohr gesetzt, daß gerade für mich ein Vehikel mit einem Buchstaben hinten aus dem Alphabet und einer Zahl nicht so ganz schräg wäre (*grins* Sprachs und eben fährt hier eins vorbei…). Gebraucht sind die sogar gar nicht mal sooo teuer. Nicht mal mit einem Hubraum, den ich in Bier übersetzt nicht trinken könnte. Und wenn schon, denn schon, oder?

„Praktisch“ wäre natürlich anders, aber ich habe genau einmal in meinem Leben ein „praktisches“ Auto gefahren. Das dann ein Jahrzehnt lang. Ansonsten hatte ich Suzuki Samurai (einmal 410 und einmal einen Santana, der mir unterm Hintern weggerostet ist), einen VW Joker und eben den oben genannten Fastoldtimer unter mir.

Oder eben meine „Biene Maja„. 😉

Aber mit der macht die Autobahn nicht eben Spaß. Und das bringt mein Job so mit sich: Viele große Strecken…

Womit auch die letzte Woche des Monats angerissen ist, denn da gehts wieder mal auf die Insel, zum Notarzt fahren. Es würde gehen mit dem Mopped, aber Spaß wäre anders. Vor allem, weil die Biene sich auf den geraden Straßen der Südschweden nicht gerade wohl fühlt. Also darf ich mich schon auf eine lustige und lange Bahnfahrt freuen…

Medizinisch gibt es nicht viel zu vermelden. Narkosen sind noch Narkosen, der Notarztwagen sieht nicht anders aus als vorher und spektakuläre Geschichten gibt es auch nicht zu erzählen.

9. September 2010 Posted by | Allerlei | , , , | 13 Kommentare

Die lieben Kollegen…

…aller Fachabteilungen.

Ich glaube, jede Fachrichtung kann davon ein Lied singen.

Die Chirurgen verstehen die Anästhesisten nicht, die Anästhesisten wissen nicht genau, was Internisten so tun und die Radiologen versteht sowieso niemand.

Nachdem ich gestern Nacht im Zuge einer akuten Insomnia eine Art „Ranthier von mir gegeben habe, hatte ich etwas Zeit darüber nachzudenken.

Der Post, auf den ich mich dabei bezog, zeigt viele der Dinge, die Chirurgen bei Anästhesisten nicht verstehen.

Natürlich gibt es Ausnahmen und Abteilungen, bei denen wirklich Hopfen und Malz verloren ist.

Aber im Normalfall sitzen Anästhesisten nicht einfach nur rum und popeln in der Nase. Man sieht uns nur selten arbeiten.

Und mal ehrlich: Wer will schon einen Anästhesisten wirklich ARBEITEN sehen? Denn das bedeutet meistens, daß es einem Patienten nicht besonders gut geht. Die Fälle, in denen ich einen Kollegen habe rennen sehen endeten immer mit einem Totenschein.

Natürlich gibt es auch Dinge, die ich an Chirurgen nicht verstehe. Das kleine Filmchen hier ist leider nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen, wie man hoffen würde.

Da werden gefühlt absichtlich Fakten verschwiegen, weil dann der jeweilige Anästhesist vielleicht nicht „mal eben so“ Narkose macht.

Eine Asystolie ist zwar übertrieben, aber ich habe mittlerweile gelernt, daß man alles, was einem ein Chirurg (oder eine andere operative Fachabteilung, was das betrifft) über einen Patienten erzählt mit Vorsicht zu geniessen ist.

„Nüchtern“ scheint für Operateure etwas anderes zu bedeuten als für einen Gasmann.

„EKs sind bestellt“ kann durchaus bedeuten, daß der Anforderungsschein vor zehn Minuten gefaxt wurde. UND die Tüten auf Abruf in einer entfernten Blutbank liegen.

Ein gesunder Patient kann durchaus mal die klassischen Risiken für eine Maligne Hyperthermie haben.

Und mehr als einmal hat man durch die Blume gesagt bekommen: „Ich hab es dir nicht gesagt, weil du sonst die OP verschiebst.“

Ja, verdammt! Natürlich verschiebe ich sie. Ich setze sie vielleicht ab. Oder treffe Vorbereitungen, wenn es ein Notfall ist, plane ein I-Bett, bestelle ein paar Tüten mehr, bestücke den Patienten mehr.

Oder kläre den Patienten darüber auf, daß die geplante Operation ein knackiges Narkoserisiko hat. Wie es mein Job ist. Auch schon passiert, alles schon erlebt. Woraufhin der Patient lieber doch keine OP wollte. Und der Orthopäde rotglühend vor mir stand.

Sorry, Kumpel. Der Patient ist eben ein bißchen mehr als nur sein Knie.

Egal wie gerne du das operieren möchtest.

Auch immer wieder gerne gehört, wenn aus einer elektiven OP eine Notfall-OP wird, damit sie im Dienst operiert werden kann.

Oder bei einem PDK, für den in diesem Haus die Bedingung „Thrombos mindestens 130.000“ lautet, DREIMAL in einer Nacht gefragt wird, ob denn 110.000 reichen würden. Weil es wären ja nicht mehr die 95.000 von der letzten Messung.

Es KANN sein, daß es völlig unschuldige Begründungen für so eine Vorgehensweise gibt. Mir fällt nur keine ein.

Wir setzen ja nicht zum Spaß OPs ab oder um. Wir verlangen ja nicht aus Jux und Dollerei Herzechos und Lungenfunktionen.

Wir blockieren keine OPs, weil wir die Operateure ärgern wollen. Oder weil uns die Nase nicht passt. Wir sind Profis. Es ist egal, ob ich den Aufschneider mag oder nicht.

Es geht nicht um uns. Es geht um die Patienten.

Das wird allerdings auch gerne ausgenutzt. Da wird der OP-Plan so vollgeknallt, daß die letzten Patienten gar nicht mehr im Tagdienst operiert werden können. Und das weiß man morgens um 8:00 Uhr schon.

Aber „der Arme Patient mußte den ganzen Tag warten“. Tja. Dann erklär ihm mal, warum du es nicht geschafft hast, ein machbares OP-Programm zu schreiben.

Es gibt aber auch andere Kollegen. Für die es überhaupt keine Frage ist, daß ein Patient für einen OP, die zwar dringlich, aber kein Notfall ist, nüchtern sein muß. Die sich ausgiebig entschuldigen, daß die OP noch ein bißchen warten muß, weil mal selbst verschwitzt hat, das Kreuzblut abzunehmen.

Die anrufen, den Fall schildern, nach bestem Wissen und Gewissen die bekannten Probleme ansprechen. Und dann fragen ob und wann man den Patienten den operieren könnte, nüchtern wäre er um X Uhr.

Die morgens schon Zweifel am OP-Programm haben. Die in Rücksprache die Lage mittags neu beurteilen und dem „armen“ Patienten schon mal was zu essen geben, weil sie wissen, daß es nichts mehr wird, werden kann.

Mit solchen macht es Spaß zu arbeiten. Und wenn die dann wirklich mal kommen und fragen, ob man nicht vielleicht doch noch die eine OP beginnen könnte, ausnahmsweise, auch wenns vielleicht ein bißchen in den Dienst geht, dann haben sie ganz gute Karten, daß man ja sagt.

Aber die erklären dann auch genau, warum. Am ersten Tag abgesetzt, weil zu spät. Am zweiten Tag kamen Notfälle dazwischen. Am dritten wieder. Und jetzt wäre der vierte Tag. Ob man nicht vielleicht könnte? Man habe der Patientin versprochen, es zu versuchen…

Solche sind selten. Aber es gibt sie. Die ein bißchen über den Tellerrand sehen und den Patienten im Focus haben. Und NICHT nur ihre OP.

Bezeichnend für diese Sorte Operateur ist durchgängig, daß „das Knie von Zimmer Elf“ Frau Müller heißt. Und es auch nicht heißt „können wir das Knie noch operieren?“ sondern „können wir das Knie von Frau Müller noch operieren?“

Da müßen wir uns als Gasmänner aber auch an der eigenen Nase fassen.

13. August 2010 Posted by | Honorararzt, Klinik, OP | , , , , , | 2 Kommentare

Geschüttelter Fettnapf

Meine Fresse, was erzählt der denn da?

Das Honorararzt-Unwesen ist der Feind einer qualitativ hochwertigen Medizin.

Einfach mal so dahingesagt. Nett. Vom Chef der DGAI erwarte ich schon etwas mehr als eine bloße Behauptung. Vor allem, wenn er einen Teil seines eigenen Berufsstandes niedermacht.

Aber andererseits verwundert es nicht besonders. Prof. Jürgen Schüttler ist schließlich Chef. Und als solcher natürlich nicht sonderlich erpicht auf uns Honorarärzte, möchte ich mal behaupten.

Ich unterstelle auch mal, daß er nicht sonderlich auf uns scharf ist, weil er eben über uns keine Macht hat.

Daß er uns nicht mag (wobei ich bezweifle, daß die Uni Erlangen größere Personalprobleme hat) geht schon in Ordnung. Aber daß er deshalb uns einfach mal als „Feinde der qualitativ hochwertigen Medizin“ betitelt, finde ich schon *ohne Worte*.

Wer den Mund so voll nimmt, sollte das dann doch auch belegen. Und ich bezweifle, daß er das kann.

Und dann:

Viele Krankenhäuser kämpfen deshalb darum, diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen.

Na logisch wollen sie das! Wir SIND teurer. Bei ehrlicher Rechnung und rund ums Jahr zwar „nur“ 30% teurer, aber mal Tacheles geredet: Wenn ein Krankenhaus Honorarärzte rund ums Jahr braucht, dann hat es ein strukturelles Problem.

Denn wie hält man seine Leute? Die Antwort ist ebenso simpel wie sie übersehen wird: Indem ich eine vernünftige Weiterbildung biete, indem ich die Rahmenbedingungen so ändere, daß die Leute bleiben wollen!

Zu den Rahmenbedingungen gehört natürlich auch die Bezahlung.

Jeder in diesem Beruf kennt es. Wenn man Irgendjemandem von den Angestelltengehältern berichtet, erntet man nur Unglauben.

Das Grundgehalt ist schon ein Witz. Und nur über teilweise unglaubliche Stundenzahlen (unter Mißachtung des Arbeitszeitgesetzes) kommt man auf ein Gehalt, das halbwegs der Verantwortung und Ausbildung gerecht wird.

Prof. Schüttler erkennt das Problem sogar, er benennt es:

Krankenhäuser sind traditionell sehr hierarchisch organisiert, Teamarbeit ist nicht immer gefragt. Das müssen wir ändern. Die Krankenhäuser haben aber auch zu lange zugesehen, wie die Arbeitsbelastung der Mediziner immer weiter gestiegen ist, auch weil sie viele Verwaltungsaufgaben aufgebürdet bekamen und die Kommerzialisierung der Medizin in den Vordergrund gerückt ist. Der eigentliche Daseinszweck des Arztes, die Arbeit mit Patienten, ist in den Hintergrund getreten.

Warum er dann trotzdem auf das dünne Eis geht und das den Honorarärzten ankreidet bleibt der Fantasie überlassen.

Denn das Problem ist nicht neu. Die beiden Grundregeln der Medizin in Deutschland sind in Stein gemeißelt:

  • Das ist halt so
  • Das war schon immer so

Es sind gerade wir Honorarärzte, die dieses Problem endlich endlich so ins Bewußtsein und in die öffentliche Wahrnehmung bringen, daß es nicht mehr ignoriert werden kann.

Irgendwann wird auch der letzte Chef und Verwaltungsmensch merken, daß er für Erdnüße nicht einmal mehr Affen bekommt.

Und das alle Polemisierung und Demagogik das Problem nicht lösen wird.

Prof. Schüttler hat einen Punkt, den es ernsthaft zu bedenken gilt:

Neue Studien zeigen jedoch, dass mittlerweile jeder 10 000. Patient im Anschluss an eine Narkose stirbt.

Er hat aber auch zugleich diese Aussage relativiert:

Die Studien werten deshalb die Sterbehäufigkeit über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach einem Eingriff unter Anästhesie aus – und sie ist heute eben wesentlich höher als früher.

Sechs bis zwölf Monate nach Narkose? Es wird aus dem Interview nicht ganz klar, ob der Zeitraum von sechs bis zwölf Monate nach Narkose betrachtet wird (also diese sechs Monate) oder ob je nach Studie sechs oder zwölf Monate herangezogen werden. Logisch vermute ich Letzteres.

Bei diesen Zeitrahmen drängt sich die Frage nach dem Kausalen Zusammenhang zur Narkose auf.

Aber selbst wenn die Zahlen stimmen und die Kausalität geklärt ist, liefert Herr Schüttler die Erklärung nach:

Die Patienten auf dem OP-Tisch sind heute älter, kränker und damit anfälliger.

Warum er dann den Eindruck entstehen läßt, das hätte etwas mit den Honorarärzten zu tun, erschließt sich mir nicht.

Es dürfte nun keine überraschende Neuigkeit sein, daß die Medien Interviews sehr selektiv bearbeiten und Aussagen auch gerne aus dem Kontext ziehen.

Prof. Schüttler bekommt also (trotz recht eindeutiger Aussagen) „the benefit of the doubt“.

Aber ohne berichtigenden Kommentar von seiner Seite muß ich seine Aussagen für bare Münze nehmen und seinen Angriff auf die Anästhesie im Allgemeinen und uns Honorarärzte im Speziellen mit sehr hochgezogenen Augenbrauen bewerten.

Ganz schöner Fettnapf. Rückwärts eingesprungen.

25. Juni 2010 Posted by | Politik | , , , , , | 3 Kommentare

Learn from my fail: Was Chirurgen so erzählen

Idee kommt von hier und schadet niemand, wenn er mal seine eigenen Bockschüße ausbreitet.

Fange ich mal mit dieser Geschichte an.

Auf dem OP-Plan stand ein Hüft-TEP-Wechsel.

Für die nicht medizinisch Bewanderten: Das bedeutet, daß eine Hüftprothese mit roher Gewalt aus dem Oberschenkel und/oder dem Beckenknochen herausgedroschen werden muß. Was normalerweise nicht mit eben wenig Blutverlust zu machen ist.

Normalerweise bekommt der Patient vorher also eine ziemlich „große“ Bestückung, soll heißen, große Zugänge (und NEIN, eine Rosanüle gehört definitiv NICHT dazu), ZVK, vielleicht Arterie. Blutkonserven in der Hinterhand, vielleicht (je nach Klinik) einen PDK. Cell-Saver stehen ab und an auch mal rum. Also schon etwas „größeres“ Kino. Nichts wirklich wildes, nichts dramatisches, aber man muß schon was tun für sein Geld.

Man weiß, was kommt und ist darauf vorbereitet.

Tja, nur hatte ich vorher den Aufschneider gefragt. Es sollte nur der Hüftkopf gewechselt werden.

Wieder für die Nicht-Mediziner: Zwischen der künstlichen Pfanne und dem Ersatz des Schenkelhalses erfüllt eine Keramikkugel die Funktion des Hüftkopfes und wird eigentlich nur aufgesteckt (bißchen fest gedroschen, aber nicht mit aller Gewalt).

Und das Ding sollte getauscht werden. Es fällt also alles weg, was normal großartig bluten kann: Es wird nicht am Knochen gesägt, es wird nicht im Knochenmark rumgebohrt.

Alles in allem also eine ziemlich „popelige“ OP. Sollte man meinen.

Ich bin ja nun nicht völlig debil. Wenn an der Hüfte rumgeschraubt wird, stecke ich gerne mal einen Zugang mehr rein. Aber Arterie und ZVK habe ich erstmal gelassen.

Wozu auch? Aufmachen, Keramikding raus, neues rein, zunähen. In der Theorie könnte das in 20 Minuten über die Bühne sein. Und weder Arterie noch ZVK sind komplikationsarme Prozeduren (soll heißen: Wenn da was schiefgeht, kanns das in sich haben).

Also dachte ich, ich komme mit ein paar dicken (16er aufwärts) Zugängen aus, für den Fall, daß da doch was passiert.

OP geht also los, ganz entspannt… Nur irgendwann fällt mein Blick auf den sich schnell füllenden Sauger. Und direkt in dem Augenblick HATTE der Patient auch mal einen Druck gehabt.

Also Druck aufgepumpt (Kaffee aus der Tube), Infusionen aufgedreht, einen Hasen reinlaufen lassen, schnell im Reflex eine Arterie gelegt… und WUPS, war der Druck wieder weg.

Blut bestellt, zwei direkt und nachkreuzen sollen sie auch…

Arterenol angeworfen um ein bißchen Zeit rauszuholen. ZVK gelegt.

Nach und nach stabilisiert sich die Lage. Zweites EK hängt und läuft über Druckbeutel.

JETZT trudelt die BGA ein, die in dem Laden lustigerweise tatsächlich über das Labor laufen. Ist also auch schon wieder eine halbe Stunde alt und DAS heißt in anästhesiologischen Zeiten: „Aus dem letzten Jahrhundert“

HB da noch bei Neun Komma irgendwas. Daß das längst nicht mehr stimmt ist klar. Also rein forensisch noch eine abgenommen. Was da rauskommt hilft mir JETZT nichts. Weil muß ja erst ins Labor und bis ich da eine Antwort habe ist NOCH ein Jahrhundert ins Land gegangen.

Kreislauf kriegt sich wieder ein, Arterenol kann wieder abgedreht werden, Blutkonserven sind beim Einlaufen oder auf dem Weg.

WAS war da also passiert? Gute Frage. Fragen wir doch einfach mal den Operateur vor Ort:

„Passiert? Nix….“

Wortloses deuten auf den Sauger, der die Drei-Liter-Marke gut hinter sich hat…

„Ups…“

Ups? Du machst mir Spaß…

Ich weiß bis heute nicht, WAS da so geblutet hat. Es BLIEB nämlich beim Wechsel des Kopfes. Die einzementierten Teile, die einen HEP-Wechsel zum Blutbad machen können, blieben wo sie waren.

Der Aufschneider hat es also irgendwie geschafft, Narbengewebe SO bluten zu lassen, daß der Patient auf der Intensivstation (wohin ich ihn dann verfrachtet habe) als ersten HB trotz zwei EKs nur noch eine „Acht“ bot und auch noch so nachblutete, daß eine Stunde später eine „Sechs“ vorne stand und eine kleine Zahl dahinter…

Also: Hier mein „Learn from my Fail“: Wenn der Chirurg irgendwas von „Och, wird nichts Großes“ blubbert, sollte man hellhörig werden.

Wenn schon „TEP-Wechsel“ draufsteht, NUTZE die Gelegenheit, den Menschen so zu bestücken, daß er aussieht wie der Verteilerkopf in einem Achtzylinder.

Egal, was der Chirurg sagt.

11. Juni 2010 Posted by | Klinik, Learn from my Fail, Notfall, OP | , , , , | 4 Kommentare

Fels in der Brandung

Es gibt Menschen die stechen aus der Masse. Auch in der Anästhesie.

Vor ewigen Zeiten, als ich noch nicht wußte, was ich machen soll mit meinem frisch-gebackenen Halbexamen (vorläufige Approbation hieß das damals) traf ich einen.

Damals liebäugelte ich noch mit der Chirurgie und verbrachte meine AiP-Zeit in einer chirurgischen Ambulanz, Poliklinik und Schockraum.

Es kam der Tag, als im normalen Tagesgeschäft (also nichts wildes) plötzlich ein Sanitäter vor mir stand: „Wir reaninimieren draussen“.

Fall war folgender: Ein niedergelassener HNO-Schrauber hatte das Pech einen Patienten mit einer anatomischen Anomalie die Nasenscheidewand richten zu wollen. In diesem Fall verlief die A.carotis interna nicht – wie sie sollte – IM Sphenoid sondern oben drauf. Und genau da hatte er hineingeschnitzt.

Hektik, Panik, Chaos… all das versiegte mit Eintreffen des Anästhesisten. Souverän und koordiniert schüttete er dem armen Mann Blutkonserven hinein (am Ende waren es über 20 Null Negativ, IIRC) schneller als er bluten konnte.

Um ihn herum tobte das Chaos, Menschen schrien, Dinge flogen durch die Luft. Nichts brachte ihn aus der Ruhe. Er ordnete und koordinierte, wich nie vom Kopf des Patienten um dessen Leben wir da kämpften. Und wir kämpften! Mein (kleiner) Job war es damals, die Blutkonserven halbwegs zu sortieren und sie auszupressen. Mit den Händen, denn es gab nichts anderes.

Innerhalb kürzester Zeit war der Kreislauf stabil (Einfuhr gleich oder besser als Blutung), der HNO-Chef wurschtelte in der Nase, die Pfleger rannten, ich drückte Konserven…

Und hinter dem Kopf ein Mensch, der die Ruhe in Person war, der das Chaos zu einem machbaren Notfall machte, der zwar nicht schlußendlich heilen konnte, aber der wertvolle Zeit verschaffen konnte… und TAT.

Aus „er stirbt!“ wurde „wie stillen wir die Blutung?“ und dann „wir haben einen Plan“ und schließlich „wir habens!“

Ende vom Lied war hier ein Patient, der unterwegs wegen Volumenmangel reanimationspflichtig war, ganz am Ende sogar die Carotis interna unterbunden bekam (weil alle Patches nicht hielten) und ganz am Ende OHNE neurologische Ausfälle entlassen werden konnte.

Schockraum AT ITS BEST. Und das kann man nicht zuletzt dem Ruhepol zuordnen, der den Operateuren die Zeit verschafft hat, eine Lösung zu finden, der es durch seine Ruhe  geschafft hat, ein totales Chaos in einer eigentlich aussichtslosen Situation in eine „normale“ Notfallsituation zu verwandeln.

Aus „Chaos“ wurde „Hektik“ und aus „Hektik“ wurde „Eilig“.

Und „Eilig“ ist machbar.

Erwähnen sollte man noch, daß im Rettungswagen noch eine Schwester zwei Null Negativ hineinwarf, daß aus dem Stand volle Manpower am Arbeiten war, daß der Schockraum in gefühlten .2 Sekunden von Null auf Hundert lief.

Meiner Meinung nach hat der souveräne Gasmann die Situation von „er stirbt“ zu „wir kriegen das Problem gelöst“ gebracht.

Nicht durch die „Heilung“. Nicht durch blinden Aktionismus. Sondern einfach durch die Ruhe und dadurch, daß er aus einer aussichtslosen Situtation eine Machbare gemacht hat.

Namen möchte ich keine nennen. Aber vor diesem Menschen ziehe ich meinen Hut. Und nehme ihn als Vorbild.

We salute You!

5. Juni 2010 Posted by | Notfall | , , | 7 Kommentare