Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Failsafe

Wir sind alle nur Menschen. Und Menschen machen Fehler.

Der Trick besteht nun darin, diese Fehler zu vermeiden.

In meiner „Karriere“ als Notarzt ist es mir nur ein paar Mal passiert, daß ich ein falsches Medikament in die Hand gedrückt bekommen habe.

Aber es passiert.

Natürlich könnte man sich nun darauf ausruhen und sagen „der da hat das falsche Kraut aufgezogen“.

Ist aber Blödsinn. Das ist die „Schuldfrage“.

Klar, die mag vor Gericht vielleicht mal relevant sein. Aber in der Praxis ist sie das nicht.

Die Praxis muß sich darum kümmern, wie man das Problem reduziert, wenn nicht sogar ganz ausschliesst. Wer Schuld ist, ist Lutscher. Am Ende sowieso der Notarzt…

Also, Jungs und Mädels, Rettungsdienstler und Notärzte: Zeigt die Ampulle vor! Schaut sie euch an!

Nicht, weil der eine dem anderen nicht vertraut. Sondern weil Fehler passieren.

Und den Fehler mit der falschen Ampulle kann man minimieren, wenn man die Pulle noch mal hochhält und sie sich auch noch mal anschaut!

Klopf auf Holz! Bis jetzt wars immer nicht so wild.

Gut, eine Pulle Morphin statt MCP (war einfach falsche Reihenfolge) mal eben reinjagen macht den Patienten blümerant, aber schadet ihm erst mal nicht (hätte er sowieso bekommen).

Eine Pulle Novalgin schnell i.v. ist nicht der Brüller… Aber bringt ihn nicht um.

Eine Pulle Cordarex (Amiodaron) statt Beloc vielleicht schon.

Von Katecholaminen wollen wir mal gar nicht reden.

 

Und das wars noch nicht: Ich stecke auch gerne Spritzen in Jackentaschen. Bis jetzt habe ich die immer hinterher entsorgt… aber laß da mal drei unterschiedliche Medikamente in der Tasche rumoxidieren: Mal ab von irgendwelchen Haltbarkeiten: wenn man sich die falsche Spritze aus der Jackentasche puhlt und den Patienten gibt, kann das ganz schön scheisse sein.

„Normalerweise“ ist beispielsweise Succinylcholin in 100 mg Ampullen. Aber es gibt auch 500 mg Trockensubstanzen. Da bleibt was über… und landet vielleicht in einer Tasche.

Wenn man nun statt – sagen wir mal – Ketanest mal eben 400 mg Succi spritzt (weil der Rest noch in der Tasche rumlag), dann freut das den Patienten eher nicht.

Und die Berufshaftpflicht auch nicht. Oder doch: Weil da braucht sie gar nix machen. Der Arzt ist aber möglicherweise seine Approbation los….

(Ist nicht mir passiert und war der Geschichte nach auch anders: Ketanest statt irgendwas anderem… was auch nicht so schlimm war, denn Ketanest hilft auch gegen Asthma….)

 

Aber das muß alles nicht sein. Durch so simple Kisten wie „Ampulle zeigen und angucken“ und „keine halben Spritzen in Taschen stecken“.

 

 

14. April 2016 Posted by | Daily Buisness, Notarzt, Notfall | , , , , | 1 Kommentar

Der Bauch

Nein, nicht der chirurgische Bauch. Anderswo auch „akutes Abdomen“ genannt.

Der Bauch des Personals. Mein Bauch. Der Bauch der Pflegekraft, die seit dreissig Jahren im Job ist.

Nein, auch kein Hunger.

Das „Bauchgefühl“. Dieser Moment, wenn du merkst „da stimmt was nicht“, auch wenn du den Finger nicht drauflegen kannst, wenn du nicht weißt, was da nicht stimmt.

Ich war ja schon lange nicht mehr hier und habe schon lange nichts mehr geschrieben. Ich kann auch nicht großartig versprechen, daß es jetzt anders werden würde!

Aber Nuja. Auf einem anderen Blog ist mir gerade ein Post aufgefallen.

Da gehts genau darum.

Narkosearzt unterwegs„. Klingt ja erstmal irgendwie auch nach mir, obwohl ich eigentlich „nur“ noch Notfallmedizin mache.

Und da eben jener Satz: „Mein Bauch sagt mir, dass hier irgendwas im Busch ist.

Oh ja! Das Bauchgefühl kennen wir alle!

Wir wissen manchmal nicht, was oder warum. Aber irgendwas schmeckt da nicht.

Als würde das Unterbewusstsein sich melden und den Finger recken, aber wie das so ist mit dem Unterbewusstsein: So wirklich verständlich ist es nicht.

Ich möchte das noch erweitern. Ich meine sogar, daß irgendwo hier im Blog schon mal gemacht zu haben.

Wenn dir eine Schwester oder ein Pfleger oder ein Rettungsassistent sagt, daß ihm/ihr da was nicht schmeckt, daß das „Bauchgefühl“ sich meldet, dann sollte man darauf hören.

Auch und vor allem dann, wenn es Leute sind, die schon eine halbe Ewigkeit im Job sind.

Oh, oft genug wars dann nix. Aber immer mal wieder ist es dann doch was. So wie in diesem anderen Blog. Und bei mir: War fast eins-zu-eins dasselbe. Nix gescheites wars nix, wirklich greifbar wars auch nicht, aber das „Magengrummeln“ war da.

Ich arbeite ja nun eher selten mit anderen Notärzten zusammen. Das ist einfach der Job. Nur selten arbeitet man wirklich an einem Patienten. Oder hat großartige Berührungspunkte. Fachlicher Natur, mal ab von dem ein oder anderen Stammtisch.

Aber man hört Stories. Horrorstories teilweise. Notärzte, die im Leben nicht auf die Idee kämen, daß Rettungsassistenten, -Sanitäter oder Notfallsanitäter ja auch nicht ganz blöd sind und auch mal gute Ideen haben. Und eben auch einen „Bauch“ haben. Auf den man hören sollte.

Mir erst vor Kurzem zugetragen worden: „Studier erstmal Medizin, bevor du da was sagst…“

Bullshit! Ja klar. Idioten hats auch im Rettungsdienst, keine Frage. Kann ich ein Lied von singen. Naja, kein langes. Nur ein kurzes. Ein Haiku vielleicht. Oder ein Limerick.

Aber normalerweise sind die weit überwiegende Mehrheit der Rettungsdienstler nicht doof.

Ich persönlich habe mir angewöhnt, laut zu denken im Notfalleinsatz. Also meine Gedankengänge offen zu legen.

Auch da muß man aufpassen: Es gibt Rettungsdienstler, die alles gleichzeitig machen wollen… und denn die Labertasche von Notarzt sich überlegt, ob sie nun Antiarhythmika anfasst oder nicht, dann kanns passieren, daß die aufgezogen sind, obwohl es nur eine Überlegung war…

Nuja. Langer Rede, kurzer Sinn:

Bauchgefühl nicht ignorieren. Besser ist das.

 

 

 

14. April 2016 Posted by | Notarzt, Notfall | , , | Hinterlasse einen Kommentar

Golf November – II

Fünf Uhr, der Piepser geht.

Fünf? Naja, immerhin fast zwei Stunden geschlafen.

„25 Jahre, REA“

Um die Uhrzeit? In der Stadt? Maaan. Drogen, sicher. Wird nie was.

Weil nebenan es um die Einsatzzeiten ging schau ich auf die Uhr. 1:32. Von Bett bis Status 3.  Kann man nicht meckern. Schon gar nicht um die Uhrzeit.

Die Straßen leer, die Anfahrt schnell.

Das sieht aber nicht wie Drogenmilieu aus.

Eine junge Frau. Reanimation am Laufen. Zugang liegt. Pupillen: Weit.

Fuck.

„Was geht?“

Jung, keine Erkrankungen. Nur morgens Hyperventilationen.

Seit wann kriegt man von Hyperventilation einen Stillstand?

Einer der Helfer kniet in Unterhosen da. Arbeitet. Ein Profi.

Ich denke: Wo kommt der denn her? Ein Nachbar?

Im EKG flimmert es.

„Supra. Gib Zwei.“

„Schock“ – „200, biphasisch?“ – „Ja“

„Nochmal“

Da, ein Rhythmus.

Weia sieht das übel aus. Sah es schon vorher, aber was da am Monitor ist, reicht für Eiswasser in den Adern. Breit, unregelmäßig… aber:

„Ich hab einen Carotispuls!“ – „Ganz schwach, da ist was peripher“ – „Ich messe einen Druck: 70 systolisch“ – „Wir haben eine Sättigung: 94%“

„Soll ich die Trage klar machen“ – Der Typ in Unterhosen.

Er passt nicht ins Bild. Ruhig, konzentriert, schnell… aber in Unterhosen. Ein Profi. Weiß, was er tut, wann was zu tun ist. Und tut es. Vom Fach.

„Druck steigt. 70 systolisch“.

Pupillen? Besser. Nicht doll. Aber keine Riesenpupillen mehr.

Was zum Teufel ist hier los? In dem Alter stirbt man nicht einfach so.

Ich lüge mich an: Nicht in meiner Schicht! Aber ich weiß, das ist gelogen.

„Tubus“ – Cormack I°. Kein Thema. Hab ich schon schlimmere Intubuiert.

Das EKG springt um. Wieder Flimmern.

„Schock.“ – „Alle weg!“

Wieder Rhythmus.

Grausam sieht das aus. Breite QRS, arrhythmisch, zwischendrin sieht es aus wie VT.

Aber…

Ich glaub die werden schmaler.

Irgendwie zwischendrin einen dicken Zugang in die Carotis externa gejagt. Sitzt.

Warum klappt das wie geleckt nur dann, wenns um was geht? Wurscht, gut, daß es so ist.

Sättigung klettert. 100. Mehr ist nicht. Pupillen jetzt eng.

ein Quentchen Hoffnung

Der Typ in Unterhosen IST vom Fach. Hat alles vorbereitet. Wir tragen ins Auto, Kreislauf ist so lala, aber es kommt eine solide Kurve in der Sättigung an. Das EKG wird besser. Pupillen jetzt eng.

Scheiss auf Dokumentation, mach ich nachher. Ab der Fisch.

Schockraum. Die sind oft pelzig da, aber wenns um was geht, lassen sie die Puppen tanzen. So auch jetzt.

Kaum drin, hält schon einer den Schallkopf auf die Brust.

Ich sage, was ich weiß, drücke die EKG-Streifen in die Hand, während die Maschinerie richtig auf Touren geht.

Soft Skills sind in dem Laden manchmal knapp, aber wenns um die Wurscht geht, will ich nirgends anders hin.

Wenns um was geht, können die Jungs und Mädels da es ECHT krachen lassen. Profis von der echten Sorte. Maulen, wenns Firlefanz ist, aber wenns um was geht lassen sie die Kuh fliegen. RICHTIG.

Meine Adrenalinpumpe läuft leer. Ich muß aussehen wie der lebende Tod. Wenn sogar der Ober mich zu einem Kaffee schickt.

Auf dem Weg nach draussen treffe ich den Typ in Unterhosen (mittlerweile vollständig angezogen). Es ist der Freund. Und vom Fach. Hat direkt mit der Reanimation begonnen.

Jetzt ist er nicht mehr cool. Aber als es darauf ankam hat er die Arschbacken zusammengekniffen und war Profi. Ein Held. Wenn sie das übersteht, verdankt sie das ihm.

Jetzt darf er zerfallen.

Wir nicht. Wir machen die Kiste wieder klar, schütteln uns die Hände. Melden uns wieder frei.

Status Eins.

Besondere Vorkommnisse:

Keine.

15. Oktober 2010 Posted by | Daily Buisness, Golf November, Notarzt, Notfall | , , , | 24 Kommentare

Daily Buisness: Hyperventilation

Zum Glück sind ja die meisten Krankheitsbilder in der Notfallmedizin eher harmlos.

Entweder weil sie sich von alleine lösen, oder weil sich von vorneherein nicht lebensbedrohlich sind. Oder weil die Einsatzmeldung schlimmer war als der Einsatz.

Die klassische Hyperventilation kriegt man als Notarzt mittlerweile eigentlich nur noch zu sehen, wenn die Einsatzmeldung „kriegt keine Luft mehr“ war und man mitalarmiert wird.

Die Hyperventilation selbst kann aufgrund von Aufregung, Schmerzen, Depression oder Panik entstehen.

Dabei erhöht sich die Atemfrequenz und/oder die Atemtiefe, es wird vermehrt Kohlendioxid abgeatmet, der pH-Wert des Blutes steigt (respiratorische Alkalose, Danke für die Korrektur) und es kommt zu einer relativen Hypokalziämie, die wiederum zum den Sypmtomen führt, wie Kribbeln in den Händen bis hin zur „Pfötchenstellung“ und genereller Hypererregbarkeit von Nerven.

Normalerweise führt ein hoher CO2-Gehalt des Blutes im Gehirn zu einer Gefäßerweiterung, ein niedriger zu einer Verengung. Es kommt also zusätzlich zu der paradoxen Situation, daß trotz ausreichendem Sauerstoffgehalt im Blut zuwenig davon beim Hirn ankommt. Und das macht dann die bekannte Atemnot. Und der oder die Betroffene atmet noch schneller.

Die Behandlung ist dann auch genau darauf abgestellt:

Der niedrige CO2 muß wieder in die Höhe, der Erregungszustand unterbrochen werden.

Manchmal reicht schon beruhigendes Zureden und Abschirmen des Patienten, man kann ihm durchaus „voratmen“, schön langsam, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

Die alte Geschichte mit der Plastiktüte zur Rückatmung von Kohlendioxid funktioniert in meiner Erfahrung nur dann, wenn die Patienten den Zustand kennen und schon mal hatten. Aber dann rufen sie auch nicht den Rettungsdienst.

Es gibt aber mittlerweile schöne Rückatmungsmasken, die aussehen wie Sauerstoffmasken und damit die Illusion erzeugen, man würde dem Patient etwas geben.

Wenn das alles nicht hilft, kann man sich als Notarzt immer noch mit einem Sedativum behelfen. Midazolam dürfte meines Wissens auf allen Rettungsmitteln verfügbar sein.

Aber da kann man schon aufs Maul fallen. Mir hat mal eine Dame, die anders nicht aus ihrer Hyperventilation zu kriegen war auf ein Milligramm Midazolam das Atmen eingestellt. Kein Drama, nur mußte sie eben überwacht werden und böse Blicke in der Ambulanz fängt man sich damit auch ein…

Ausserdem verbaut man sich so den Weg, dem Patienten vielleicht einen Transport zu ersparen.

Was man früher mal gemacht hat war, Kalzium zu geben oder den Säure-Basen-Haushalt anders auszugleichen. Hat sich aber herausgestellt, daß das nur Placebo-Effekte sind. Placebos kann man sich da schon zu nutze machen, da die klassische Hyperventilation ja eine psychische Kiste ist. Warum also nicht gleich da ansetzen? Allerdings würde ich es da eher mit NaCl versuchen.

Die Diagnose der Hyperventilation ist meistens eine Blickdiagnose. Wenn der Patient dazu passt und die Symptome kommt man normalerweise schnell dahinter, was es ist. Es lohnt sich, gerade wenn der eigene Adrenalinpegel mal wieder kurz unterhalb der Stratosphäre schwebt, tatsächlich mit einer Uhr daneben die Atemfrequenz auszuzählen.

Aber man muß natürlich andere Ursachen im Hinterkopf haben. Auch ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Schlaganfall, eine Entzündung oder eine Vergiftung kann dazu führen.

Insgesamt ist die Hyperventilation aber eher eines der „harmloseren“ Krankheitsbilder im Rettungsdienst.

P.S.: Natürlich sind solche medizinischen Beiträge von mir ohne Gewähr und im Zweifel fragen sie ihren Arzt oder Apotheker… 😉

28. Juli 2010 Posted by | Daily Buisness, Notfall | , | 5 Kommentare

Learn from my fail: Was Chirurgen so erzählen

Idee kommt von hier und schadet niemand, wenn er mal seine eigenen Bockschüße ausbreitet.

Fange ich mal mit dieser Geschichte an.

Auf dem OP-Plan stand ein Hüft-TEP-Wechsel.

Für die nicht medizinisch Bewanderten: Das bedeutet, daß eine Hüftprothese mit roher Gewalt aus dem Oberschenkel und/oder dem Beckenknochen herausgedroschen werden muß. Was normalerweise nicht mit eben wenig Blutverlust zu machen ist.

Normalerweise bekommt der Patient vorher also eine ziemlich „große“ Bestückung, soll heißen, große Zugänge (und NEIN, eine Rosanüle gehört definitiv NICHT dazu), ZVK, vielleicht Arterie. Blutkonserven in der Hinterhand, vielleicht (je nach Klinik) einen PDK. Cell-Saver stehen ab und an auch mal rum. Also schon etwas „größeres“ Kino. Nichts wirklich wildes, nichts dramatisches, aber man muß schon was tun für sein Geld.

Man weiß, was kommt und ist darauf vorbereitet.

Tja, nur hatte ich vorher den Aufschneider gefragt. Es sollte nur der Hüftkopf gewechselt werden.

Wieder für die Nicht-Mediziner: Zwischen der künstlichen Pfanne und dem Ersatz des Schenkelhalses erfüllt eine Keramikkugel die Funktion des Hüftkopfes und wird eigentlich nur aufgesteckt (bißchen fest gedroschen, aber nicht mit aller Gewalt).

Und das Ding sollte getauscht werden. Es fällt also alles weg, was normal großartig bluten kann: Es wird nicht am Knochen gesägt, es wird nicht im Knochenmark rumgebohrt.

Alles in allem also eine ziemlich „popelige“ OP. Sollte man meinen.

Ich bin ja nun nicht völlig debil. Wenn an der Hüfte rumgeschraubt wird, stecke ich gerne mal einen Zugang mehr rein. Aber Arterie und ZVK habe ich erstmal gelassen.

Wozu auch? Aufmachen, Keramikding raus, neues rein, zunähen. In der Theorie könnte das in 20 Minuten über die Bühne sein. Und weder Arterie noch ZVK sind komplikationsarme Prozeduren (soll heißen: Wenn da was schiefgeht, kanns das in sich haben).

Also dachte ich, ich komme mit ein paar dicken (16er aufwärts) Zugängen aus, für den Fall, daß da doch was passiert.

OP geht also los, ganz entspannt… Nur irgendwann fällt mein Blick auf den sich schnell füllenden Sauger. Und direkt in dem Augenblick HATTE der Patient auch mal einen Druck gehabt.

Also Druck aufgepumpt (Kaffee aus der Tube), Infusionen aufgedreht, einen Hasen reinlaufen lassen, schnell im Reflex eine Arterie gelegt… und WUPS, war der Druck wieder weg.

Blut bestellt, zwei direkt und nachkreuzen sollen sie auch…

Arterenol angeworfen um ein bißchen Zeit rauszuholen. ZVK gelegt.

Nach und nach stabilisiert sich die Lage. Zweites EK hängt und läuft über Druckbeutel.

JETZT trudelt die BGA ein, die in dem Laden lustigerweise tatsächlich über das Labor laufen. Ist also auch schon wieder eine halbe Stunde alt und DAS heißt in anästhesiologischen Zeiten: „Aus dem letzten Jahrhundert“

HB da noch bei Neun Komma irgendwas. Daß das längst nicht mehr stimmt ist klar. Also rein forensisch noch eine abgenommen. Was da rauskommt hilft mir JETZT nichts. Weil muß ja erst ins Labor und bis ich da eine Antwort habe ist NOCH ein Jahrhundert ins Land gegangen.

Kreislauf kriegt sich wieder ein, Arterenol kann wieder abgedreht werden, Blutkonserven sind beim Einlaufen oder auf dem Weg.

WAS war da also passiert? Gute Frage. Fragen wir doch einfach mal den Operateur vor Ort:

„Passiert? Nix….“

Wortloses deuten auf den Sauger, der die Drei-Liter-Marke gut hinter sich hat…

„Ups…“

Ups? Du machst mir Spaß…

Ich weiß bis heute nicht, WAS da so geblutet hat. Es BLIEB nämlich beim Wechsel des Kopfes. Die einzementierten Teile, die einen HEP-Wechsel zum Blutbad machen können, blieben wo sie waren.

Der Aufschneider hat es also irgendwie geschafft, Narbengewebe SO bluten zu lassen, daß der Patient auf der Intensivstation (wohin ich ihn dann verfrachtet habe) als ersten HB trotz zwei EKs nur noch eine „Acht“ bot und auch noch so nachblutete, daß eine Stunde später eine „Sechs“ vorne stand und eine kleine Zahl dahinter…

Also: Hier mein „Learn from my Fail“: Wenn der Chirurg irgendwas von „Och, wird nichts Großes“ blubbert, sollte man hellhörig werden.

Wenn schon „TEP-Wechsel“ draufsteht, NUTZE die Gelegenheit, den Menschen so zu bestücken, daß er aussieht wie der Verteilerkopf in einem Achtzylinder.

Egal, was der Chirurg sagt.

11. Juni 2010 Posted by | Klinik, Learn from my Fail, Notfall, OP | , , , , | 4 Kommentare

Fels in der Brandung

Es gibt Menschen die stechen aus der Masse. Auch in der Anästhesie.

Vor ewigen Zeiten, als ich noch nicht wußte, was ich machen soll mit meinem frisch-gebackenen Halbexamen (vorläufige Approbation hieß das damals) traf ich einen.

Damals liebäugelte ich noch mit der Chirurgie und verbrachte meine AiP-Zeit in einer chirurgischen Ambulanz, Poliklinik und Schockraum.

Es kam der Tag, als im normalen Tagesgeschäft (also nichts wildes) plötzlich ein Sanitäter vor mir stand: „Wir reaninimieren draussen“.

Fall war folgender: Ein niedergelassener HNO-Schrauber hatte das Pech einen Patienten mit einer anatomischen Anomalie die Nasenscheidewand richten zu wollen. In diesem Fall verlief die A.carotis interna nicht – wie sie sollte – IM Sphenoid sondern oben drauf. Und genau da hatte er hineingeschnitzt.

Hektik, Panik, Chaos… all das versiegte mit Eintreffen des Anästhesisten. Souverän und koordiniert schüttete er dem armen Mann Blutkonserven hinein (am Ende waren es über 20 Null Negativ, IIRC) schneller als er bluten konnte.

Um ihn herum tobte das Chaos, Menschen schrien, Dinge flogen durch die Luft. Nichts brachte ihn aus der Ruhe. Er ordnete und koordinierte, wich nie vom Kopf des Patienten um dessen Leben wir da kämpften. Und wir kämpften! Mein (kleiner) Job war es damals, die Blutkonserven halbwegs zu sortieren und sie auszupressen. Mit den Händen, denn es gab nichts anderes.

Innerhalb kürzester Zeit war der Kreislauf stabil (Einfuhr gleich oder besser als Blutung), der HNO-Chef wurschtelte in der Nase, die Pfleger rannten, ich drückte Konserven…

Und hinter dem Kopf ein Mensch, der die Ruhe in Person war, der das Chaos zu einem machbaren Notfall machte, der zwar nicht schlußendlich heilen konnte, aber der wertvolle Zeit verschaffen konnte… und TAT.

Aus „er stirbt!“ wurde „wie stillen wir die Blutung?“ und dann „wir haben einen Plan“ und schließlich „wir habens!“

Ende vom Lied war hier ein Patient, der unterwegs wegen Volumenmangel reanimationspflichtig war, ganz am Ende sogar die Carotis interna unterbunden bekam (weil alle Patches nicht hielten) und ganz am Ende OHNE neurologische Ausfälle entlassen werden konnte.

Schockraum AT ITS BEST. Und das kann man nicht zuletzt dem Ruhepol zuordnen, der den Operateuren die Zeit verschafft hat, eine Lösung zu finden, der es durch seine Ruhe  geschafft hat, ein totales Chaos in einer eigentlich aussichtslosen Situation in eine „normale“ Notfallsituation zu verwandeln.

Aus „Chaos“ wurde „Hektik“ und aus „Hektik“ wurde „Eilig“.

Und „Eilig“ ist machbar.

Erwähnen sollte man noch, daß im Rettungswagen noch eine Schwester zwei Null Negativ hineinwarf, daß aus dem Stand volle Manpower am Arbeiten war, daß der Schockraum in gefühlten .2 Sekunden von Null auf Hundert lief.

Meiner Meinung nach hat der souveräne Gasmann die Situation von „er stirbt“ zu „wir kriegen das Problem gelöst“ gebracht.

Nicht durch die „Heilung“. Nicht durch blinden Aktionismus. Sondern einfach durch die Ruhe und dadurch, daß er aus einer aussichtslosen Situtation eine Machbare gemacht hat.

Namen möchte ich keine nennen. Aber vor diesem Menschen ziehe ich meinen Hut. Und nehme ihn als Vorbild.

We salute You!

5. Juni 2010 Posted by | Notfall | , , | 7 Kommentare