Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Failsafe

Wir sind alle nur Menschen. Und Menschen machen Fehler.

Der Trick besteht nun darin, diese Fehler zu vermeiden.

In meiner „Karriere“ als Notarzt ist es mir nur ein paar Mal passiert, daß ich ein falsches Medikament in die Hand gedrückt bekommen habe.

Aber es passiert.

Natürlich könnte man sich nun darauf ausruhen und sagen „der da hat das falsche Kraut aufgezogen“.

Ist aber Blödsinn. Das ist die „Schuldfrage“.

Klar, die mag vor Gericht vielleicht mal relevant sein. Aber in der Praxis ist sie das nicht.

Die Praxis muß sich darum kümmern, wie man das Problem reduziert, wenn nicht sogar ganz ausschliesst. Wer Schuld ist, ist Lutscher. Am Ende sowieso der Notarzt…

Also, Jungs und Mädels, Rettungsdienstler und Notärzte: Zeigt die Ampulle vor! Schaut sie euch an!

Nicht, weil der eine dem anderen nicht vertraut. Sondern weil Fehler passieren.

Und den Fehler mit der falschen Ampulle kann man minimieren, wenn man die Pulle noch mal hochhält und sie sich auch noch mal anschaut!

Klopf auf Holz! Bis jetzt wars immer nicht so wild.

Gut, eine Pulle Morphin statt MCP (war einfach falsche Reihenfolge) mal eben reinjagen macht den Patienten blümerant, aber schadet ihm erst mal nicht (hätte er sowieso bekommen).

Eine Pulle Novalgin schnell i.v. ist nicht der Brüller… Aber bringt ihn nicht um.

Eine Pulle Cordarex (Amiodaron) statt Beloc vielleicht schon.

Von Katecholaminen wollen wir mal gar nicht reden.

 

Und das wars noch nicht: Ich stecke auch gerne Spritzen in Jackentaschen. Bis jetzt habe ich die immer hinterher entsorgt… aber laß da mal drei unterschiedliche Medikamente in der Tasche rumoxidieren: Mal ab von irgendwelchen Haltbarkeiten: wenn man sich die falsche Spritze aus der Jackentasche puhlt und den Patienten gibt, kann das ganz schön scheisse sein.

„Normalerweise“ ist beispielsweise Succinylcholin in 100 mg Ampullen. Aber es gibt auch 500 mg Trockensubstanzen. Da bleibt was über… und landet vielleicht in einer Tasche.

Wenn man nun statt – sagen wir mal – Ketanest mal eben 400 mg Succi spritzt (weil der Rest noch in der Tasche rumlag), dann freut das den Patienten eher nicht.

Und die Berufshaftpflicht auch nicht. Oder doch: Weil da braucht sie gar nix machen. Der Arzt ist aber möglicherweise seine Approbation los….

(Ist nicht mir passiert und war der Geschichte nach auch anders: Ketanest statt irgendwas anderem… was auch nicht so schlimm war, denn Ketanest hilft auch gegen Asthma….)

 

Aber das muß alles nicht sein. Durch so simple Kisten wie „Ampulle zeigen und angucken“ und „keine halben Spritzen in Taschen stecken“.

 

 

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14. April 2016 Posted by | Daily Buisness, Notarzt, Notfall | , , , , | 1 Kommentar

Schnittstellen des Rettungsdienstes

Ich habe mich ja an einer Stelle schon mal über die eine Schnittstelle ausgelassen. Wo der Rettungsdienst der „Empfänger“ ist: Der Empfänger des Patienten. Gut, da fühlte sich gleich einer auf den Schlips getreten. So im Nachhinein würde ich mal sagen: Trocknertheorie.

Egal. Das ist natürlich nicht die einzige „Eingangsschnittstelle“ für den Rettungsdienst und den Notarzt. Gibt ja noch mehr abstruse Geschichten, wo wir so unsere Patienten herbekommen. Dazu an andere Stelle vielleicht mehr.

Aber so sehr wir uns auch um unsere Patienten kümmern, wir behalten sie ja nicht ewig. Wenn wir sie nicht gerade zu Hause lassen (Klassiker: Hypoglykämie bei bekanntem insulinpflichtigem Diabetes mellitus), landen sie fast immer im Krankenhaus.

Und da sind wir dann bei der nächsten Schnittstelle: Der Notaufnahme. Jedenfalls meistens.

Normalerweise läuft da recht gut. Mit den üblichen Haken und Ösen. Denn oft ist erstmal kein ärztlicher Kollege da und muß erst gerufen werden. Macht ja nix, ist ja ok so, vor Allem nachts. Dann gibts einen kurzen Abriß für die diensthabenden Schwestern und Pfleger. Die sollten meiner Meinung nach ja auch wissen, was ich denen da vor die Tür lege…

Am Tage sind öfters auch Ärzte in den Ambulanzen. Wie gesagt: Das soll keine Kritik sein. In den meisten kleinen Häusern ist ja nicht ein Arzt permanent in der Ambulanz, sondern hat im Haus auch noch anderes zu tun.

Dann ist das Problem allerdings, den Richtigen zu finden. Bei glasklaren Fällen ist das kein Thema… aber es passiert mir auch immer mal wieder, daß ich mein Sprüchlein beginne aufzusagen und dann aber zum Chirurgen weiter verwiesen werden. Oder zum Neurologen. Oder welche Fachrichtung auch immer. Was lustigerweise auch wechselt, je nach Tageszeit. In manchen Häusern gibt es am Tage einen Neurologen (für die TIAs, Schlaganfälle und Konsortien), nachts machen das aber die Internisten mit. Und wenn man nicht immer die genaue Uhrzeit auf dem Schirm hat und auch nicht so genau die Wechselzeiten kennt, kann es schon mal passieren, daß man sein Gedicht dem Falschen aufsagt.

Je nachdem, was denn der Patient hat, macht es trotz der verschiedenen Systeme durchaus Sinn zusätzlich auch selbst noch mal einfach dort anzurufen. Schlicht um das „Stille-Post“-Phänomen zu minimieren: Ich sags dem Rettungsassistenten (-Sanitäter, bzw. Notfallsanitäter), der sagts der Leitstelle, die sagts dann der Pflegekraft, die in der Ambulanz gerade ans Telefon geht („Schülerin Bettina, Ambulanz Krankenhaus Trallala, guten Abend“), die sagts dann irgendjemand in der Ambulanz, die sagts dem Arzt… was dazwischen aus Diagnosen alles werden kann, ist wirklich witzig.

Oh, wieder keine Kritik gemeint. Aber was durch soviel Köpfe durchgeht, verändert sich einfach.

Wenn ich also den für Blinde sichtbaren Hebungsinfarkt habe (also nicht ich sondern der Patient), macht es Sinn, mindestens noch mal selbst in der Ambulanz oder noch besser, gleich im Herzkatheder anzurufen („Glüht die Kiste schon mal vor“). Oder beim Apoplex im Zeitfenster gleich den Neurologen zu nerven.

Wenn ich in der Ambulanz bestimmte Dinge brauche, macht es auch Sinn, das direkt zu machen.

Wenn ich also einen instabilen Patienten auf der Trage habe, dann ists meiner Erfahrung nach keine blöde Idee, selber anzurufen und den/einen Schockraum klar zu machen. Sonst kann es passieren, daß man da steht und mit dem Patienten nirgends hin kann.

Selbst wenn es ein lustiges System gibt, daß diese Information auf einen Bildschirm projiziert.

Den meiner Erfahrung nach ohnehin oftmals keiner beachtet. Egal, was man anmeldet. Manchmal  ist dieser Bildschirm auch so in einer Ecke untergebracht, daß man – selbst wenn man vom Personal her darauf achten würde – ihn gar nicht im Blick hat.

 

Aber da ist jetzt das Problem: Denn manchmal geht das nicht. Manchmal kann man nicht anrufen.

Der Motorradfahrer, der zwei Straßen vom Krankenhaus entfernt in ein Auto kracht.

Wenn man entsprechend ITLS/ATLS handelt (Kurzfassung: Mach hinne! Draussen nur, was absolut notwendig ist – Stichwort: Lebensrettende Sofortmaßnahmen – alles andere später. Da fällt der venöse Zugang schon unter „geht auf der Fahrt“), dann ist man am Unfallort schnell wieder weg und drei Minuten später auch schon in der Ambulanz. Und – wie das immer so ist – hat die orientierende Grobuntersuchung beim Einfahren in die Fahrzeughalle gerade mal so eben fertig.

Natürlich wäre es wünschenswert, irgendwo die Zeit zu finden, doch mal der Ambulanz Bescheid zu geben.

Dummerweise ist dieses System Notarzt->Rettungsassistent->Leitstelle->Monitor in der Ambulanz langsamer als die drei Minuten Anfahrt. (Fakt: Fünf Minuten nach Ankunft in der Notaufnahme kam die Meldung auf dem Monitor…)

Mit dem Resultat, daß man da steht, erstmal Hektik ausbricht weil ich frecherweise einen Schockraum will, der aber belegt ist und das Gefühl hat, dem diensthabenden Chirurgen erstmal zu erklären, was eigentlich Sache ist. Wenn man dann noch an einen von der Sorte gerät hat man Spaß.

Wenn man dann noch von irgendeiner Seite den Kommentar bekommt „nächstes Mal anrufen“ möchte man sich eine Tischplatte suchen, in die man beissen kann.

Ich sehe das Problem.

Und bin dann wieder bei meiner Philosophie, daß der Praktikant an Allem Schuld ist.

Irgendeinen Praktikanten gibts immer. Und der kann eh nix dafür, aber die Schuldfrage ist geklärt.

Und man kann sich um die Lösung des Problems kümmern.

Fünf Mal sagen „ihr habt nicht angerufen“ ist kontraproduktiv, verschwendete Zeit und löst in keinster Weise das Problem: Nämlich den Traumapatienten durch die Diagnostikmühle zu drehen und entsprechend zu handeln.

 

 

Um das klarzustellen: Wenn ich die Zeit habe, rufe ich auch an.

Und um das auch zu sagen: Die betroffene Ambulanz hat dann schon geschaltet. Ziemlich schnell war das entsprechende Schockraumteam da. Zeitverlust war gefühlt keiner.

Und gerade in so einem Fall, wo ich bestenfalls vor der Notaufnahme eine Minute hätte warten können um anzurufen, warte ich doch lieber die Minute im Schockraum mit mehr Platz und mehr Personal.

Das soll also keine Kritik an dieser Notaufnahme sein. Denn die war – wenn man mal vom mehrfachen „warum hast du nicht angerufen“ absieht – schnell und kompetent.

 

 

P.S.: Wen es interessiert: Der Moppedfahrer hatte Dusel. Nicht unverletzt, aber auch nichts Dramatisches.

 

 

 

12. April 2016 Posted by | Daily Buisness, Klinik, Notarzt | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Golf November V

Es ist der Job. Es gehört dazu.

Aber den Golf November muß man nicht allzu oft haben. Da vergeht einem die Lust.

Wir haben nie herausgefunden, was da jetzt war.

Einsatz. Mittags. Der Nachmittagsschlaf.

Nichts bringt dich schneller aus den Federn als die Meldung „Kind“.

Fuck.

Rein ins Auto, ab der Fisch. Es wundert mich jedesmal, daß die Kiste ein paar km/h mehr macht, wenn sowas auf dem Piepser steht.

Die Meldung ist etwas undurchsichtig. Irgendwas mit „Kind“ und „Roller“.

Schneller, Mann!

Man ist es ja gewohnt. Man weiß es. Schneller geht es nicht. Und irgendwo auch die stille Hoffnung:

So schlimm wirds nicht sein…

Einsatzort, Ankunft. First-Responder vor Ort. RTW auch da.

Straße. Blöd zu finden. Viele Leute und Schaulustige. Alle jung.

Was ist hier los?

Ein junges Mädel, vielleicht 15. Bewußtlos. Im Augenwinkel ein Roller. Nicht wirklich wahrgenommen.

Der First-Responder im Stakatostil die Fakten: Rollerunfall, das Mädel angefahren. Erst bewußtlos, dann wach, dann wieder bewußtlos.

Atmen tut sie.

Ich sehe dem Mädchen in die Augen und mir wird schlecht.

Weite Puppillen schauen mich an.

Reize werden mit Strecken der Arme und Beine beantwortet.

FUCK

„DU! Nakose vorbereiten. Trapanal, Succi, Fenta! DU! Hubschrauber bestellen! JETZT!“

Hat der First Responder schon getan. Möchte ihn küssen.

Hat noch keinen Zugang, ging alles zu schnell. Ich lege einen, Kanonenrohr in eine Ellenbeuge.

Ich weiß nicht warum, aber wenns um die Wurst geht, klappts ohne Firlefanz.

Trage ist bereit, Stiffneck hat sie. Rauf auf die Trage und in gefühlten drei Sekunden sind wir im Rettungswagen.

Dort folgen quälend lange Sekunden. Trapanal ist eine Trockensubstanz, die erst aufgelöst werden muß.

Ein RA reicht mir eine Spritze. „Fenta!“ sagt er knapp.

Rein damit. Hälfte reicht erstmal.

„Succi!“

Wo bleibt das verdammte Trapanal?

„Trapanal!“

Rein! Succi hinterher! Scheiss auf Präkurarisieren.

Wir hören den Hubschrauber. Landet drei Straßen weiter.

Tubus sitzt. Blocken.

Fahr los.

Puls ok. Schnell. Nicht langsam.

Immerhin

Druck passt.

Pupillen? Nicht besser. Weit. Hirndruck. Und den knackig.

Da blutet was ins Hirn. Arteriell. Epidural? Wahrscheinlich.

Schnelle Übergabe an den Fliegenden Notarzt. Zügig, knapp.

„Rollerunfall. SHT, Pupillen weit, initial bewußtlos, dann wach, dann wieder bewußtlos, bei Eintreffen Strecksynergismen“

Schnell und zielsicher wird die Überwachung umgekabelt. Rein in den Hubschrauber.

Die First Responder sichern die Umgebung, der Hubschrauber hebt ab.

Wie zum Geier ist der überhaupt auf dem winzigen Platz gelandet?

Ich schaffe es gerade noch, mich bei den RAs zu bedanken, ohne das mir die Stimme bricht.

„Guter Einsatz“.“

Gut? Es lief gut. Perfekt, eigentlich. Aber das freut mich nicht.

Setze mich ins NEF.

Sprich mich nicht an, wenn du keinen erwachsenen Mann weinen sehen willst.

Wir fahren zurück.

Status Eins.

Nicht wirklich. Aber es gibt keine Anschlußfahrt.

Besser ist das.

Bis wir zurück beim Standort sind, kann ich wenigstens die Frage ohne brechende Stimme beantworten warum ich so geknickt aussehe.

Bis heute habe ich nicht nachgeforscht, was aus dem Mädchen geworden ist.

Ich habe Angst, daß ich die Antwort nicht hören will.

24. Oktober 2011 Posted by | Daily Buisness, Golf November, Notarzt | , , , | 4 Kommentare

Noch so was: Der Sellick-Handgriff

Noch so eine Sache, die in allen Lehrbüchern steht, immer beigebracht wird, die aber nie hinterfragt wird.

Der Sellick-Handgriff oder auch Krikoiddruck.

Beschrieben 1961 von Brian Arthur Sellick, aber schon 1774 in Großbritannien erwähnt und soll der Verhinderung von Aspirationen bei nicht nüchternen Patienten dienen.

Klingt auch logisch: Mit dem Ringknorpel die Speiseröhre komprimieren und sie so quasi verschliessen.

Aber jetzt kommts: STIMMT das überhaupt?

Tja. Und da muß man sagen: Irgendwie nicht so richtig. Wenn man da mal die Literatur durchforstet findet man ausser Sellicks Idee eigentlich keine harten Daten dazu, keine Studien, nichts.

Steinmann und Priebe haben sich im Anästhesist 2009 damit auseinander gesetzt.

Jeder der schon mal unter Krikoiddruck intubiert hat weiß, daß es damit deutlich schwerer wird. Der Kehlkopf wird verschoben (was man sich ja beim BURP-Manöver auch zu Nutze machen kann), oft auch noch zusammengedrückt und die Intubation (die ja in den Fällen, i.e. bei nicht nüchternem Patienten schnell gehen soll) damit erschwert. Zusätzlich sind auch Kehlkopfschäden möglich durch den komprimierten Kehlkopf. Auch das logisch: Wenn ich die Stimmbänder (die ich ja eigentlich relaxiert und offen habe) wieder zusammendrücke und den Tubus dazwischen durch friemeln muß, wird das den empfindlichen Stimmbändern nicht gefallen.

Die europäischen Richtlinien zur Reanimation von 2005 erwähnen ihn nur noch nebenher und empfahlen ein Loslassen nachdem der Tubus ist, wo er hingehört.

Im Fazit muß man also wohl sagen, daß bei einem völligen Mangel an Belegen für einen Nutzen aber eindeutigen negativen Punkten der Sellick-Handgriff – so logisch er schien – wohl in die Kategorie „Sagen unserer Zeit“ gehört und damit wohl nicht mehr angewendet werden sollte (Alle anderen Maßnahmen für eine RSI oder Ileus-Einleitung – Absaugung, Oberkörperhochlage etc. – bleiben unbenommen).

Anders natürlich das oben erwähnte BURP-Manöver, daß einem ganz anderen Zweck dient (nämlich Erleichterung einer schwierigen Intubation).

Wie man sieht, nicht alles, was wir so machen in der Medizin und im Rettungsdienst ist in Stein gemeißelt und da die moderne Medizin als jüngste der Wissenschaften immer im Wandel ist kommt man nicht darum herum auf dem laufenden zu bleiben und früher oder später alles zu hinterfragen.

(Quelle)

23. Oktober 2011 Posted by | Daily Buisness, Notarzt | , , , , | 1 Kommentar

Sauerstoff bei Herzinfarkt

Seit ich denken kann und mit dem Job auch nur am Rande etwas zu tun hatte galt die eiserne Regel, daß ein Herzinfarkt Sauerstoff bekommt.

In jeder formalen Ausbildung zu dem Thema wurde mir das so gelehrt. Ob das nun irgendwann mal ein Erste-Hilfe-Kurs war, oder die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Da wurde „MONA greets all patients“ eingebleut.

Aber wie das oft so ist: Was logisch klingt, ist noch lange nicht auch richtig. Physiologisch in erster Näherung macht das ja auch Sinn: Zuwenig Sauerstoff am Herz, also mehr Sauerstoff anbieten.

Seit ein paar Monaten geistert die Geschichte herum, daß das womöglich gar nicht so stimmt. Denn wie bei anderen Dingen ist das erstmal nur eine Idee. Die sinnvoll klingt. Und dann auch kaum noch hinterfragt wird.

Mitte 2010 hat eine spanische Gruppe sich mal angesehen, wie denn die Datenlage da so aussieht. Metanalyse nennt sich das: Man nimmt die Studien dazu und führt sie zusammen.

Heraus kam, daß es nur drei davon gibt, die wirklich was taugen. 387 Patienten, die zufällig entweder Sauerstoff oder Raumluft bekamen. Resultat: Mit Sauerstoff mehr Tote.

Klingt erstmal erschreckend. Sofort Sauerstoff verbieten!

Nur ist es leider so einfach dann doch nicht. Denn 387 Patienten sind nicht viele, das Ergebnis alles andere als deutlich. Vor allem, wenn man bedenkt, daß in der gesamten Gruppe gerade mal 14 Menschen starben.

Statistisch heißt das nichts. Allerdings in beide Richtungen. Weder, daß Sauerstoff beim akuten Myokardinfarkt einen positiven noch, daß es einen negativen Effekt hat.

Halten wir also erstmal fest: Wir wissen nicht, ob die Idee mit dem Sauerstoff wirklich etwas bringt, ob der angebotene Sauerstoff auch wirklich am Myokard ankommt. Wir wissen auch nicht, ob es schadet.

Wir wissen aber auch, daß eine Hyperoxie negative Folgen haben kann. Aber wir wissen nicht, ob sich das so problemlos auf einen akuten Myokardinfarkt anwenden läßt.

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt momentan, bei Patienten ohne Hypoxiezeichen (wobei eine konkrete SaO2-Sättigung nicht angegeben wird) auf Sauerstoffgabe zu verzichten, bis entsprechende Studien in größerem Rahmen eine wirklich neue Richtlinie erlauben.

Eine Richtlinie die die Ergebnisse (die wenigen, die da sind) berücksichtigt, wird für 2012 erwartet.

Ich persönlich halte es in der Praxis mittlerweile so, daß ich oberhalb einer peripheren Sauerstoffsättigung von 97% keinen Sauerstoff anbiete, unterhalb aber wie gewohnt, solange nicht zusätzliche Anzeichen einer Herzinsuffizienz oder einer Atemnot bestehen.

Im Fazit muß man aber sagen, daß auch für diese Vorgehensweise die tatsächlichen Daten nicht da sind. Und egal, wie man es jetzt selbst handhabt, man ein Auge auf neue Erkenntnisse haben sollte.

22. Oktober 2011 Posted by | Daily Buisness, Notarzt | , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Golf November – II

Fünf Uhr, der Piepser geht.

Fünf? Naja, immerhin fast zwei Stunden geschlafen.

„25 Jahre, REA“

Um die Uhrzeit? In der Stadt? Maaan. Drogen, sicher. Wird nie was.

Weil nebenan es um die Einsatzzeiten ging schau ich auf die Uhr. 1:32. Von Bett bis Status 3.  Kann man nicht meckern. Schon gar nicht um die Uhrzeit.

Die Straßen leer, die Anfahrt schnell.

Das sieht aber nicht wie Drogenmilieu aus.

Eine junge Frau. Reanimation am Laufen. Zugang liegt. Pupillen: Weit.

Fuck.

„Was geht?“

Jung, keine Erkrankungen. Nur morgens Hyperventilationen.

Seit wann kriegt man von Hyperventilation einen Stillstand?

Einer der Helfer kniet in Unterhosen da. Arbeitet. Ein Profi.

Ich denke: Wo kommt der denn her? Ein Nachbar?

Im EKG flimmert es.

„Supra. Gib Zwei.“

„Schock“ – „200, biphasisch?“ – „Ja“

„Nochmal“

Da, ein Rhythmus.

Weia sieht das übel aus. Sah es schon vorher, aber was da am Monitor ist, reicht für Eiswasser in den Adern. Breit, unregelmäßig… aber:

„Ich hab einen Carotispuls!“ – „Ganz schwach, da ist was peripher“ – „Ich messe einen Druck: 70 systolisch“ – „Wir haben eine Sättigung: 94%“

„Soll ich die Trage klar machen“ – Der Typ in Unterhosen.

Er passt nicht ins Bild. Ruhig, konzentriert, schnell… aber in Unterhosen. Ein Profi. Weiß, was er tut, wann was zu tun ist. Und tut es. Vom Fach.

„Druck steigt. 70 systolisch“.

Pupillen? Besser. Nicht doll. Aber keine Riesenpupillen mehr.

Was zum Teufel ist hier los? In dem Alter stirbt man nicht einfach so.

Ich lüge mich an: Nicht in meiner Schicht! Aber ich weiß, das ist gelogen.

„Tubus“ – Cormack I°. Kein Thema. Hab ich schon schlimmere Intubuiert.

Das EKG springt um. Wieder Flimmern.

„Schock.“ – „Alle weg!“

Wieder Rhythmus.

Grausam sieht das aus. Breite QRS, arrhythmisch, zwischendrin sieht es aus wie VT.

Aber…

Ich glaub die werden schmaler.

Irgendwie zwischendrin einen dicken Zugang in die Carotis externa gejagt. Sitzt.

Warum klappt das wie geleckt nur dann, wenns um was geht? Wurscht, gut, daß es so ist.

Sättigung klettert. 100. Mehr ist nicht. Pupillen jetzt eng.

ein Quentchen Hoffnung

Der Typ in Unterhosen IST vom Fach. Hat alles vorbereitet. Wir tragen ins Auto, Kreislauf ist so lala, aber es kommt eine solide Kurve in der Sättigung an. Das EKG wird besser. Pupillen jetzt eng.

Scheiss auf Dokumentation, mach ich nachher. Ab der Fisch.

Schockraum. Die sind oft pelzig da, aber wenns um was geht, lassen sie die Puppen tanzen. So auch jetzt.

Kaum drin, hält schon einer den Schallkopf auf die Brust.

Ich sage, was ich weiß, drücke die EKG-Streifen in die Hand, während die Maschinerie richtig auf Touren geht.

Soft Skills sind in dem Laden manchmal knapp, aber wenns um die Wurscht geht, will ich nirgends anders hin.

Wenns um was geht, können die Jungs und Mädels da es ECHT krachen lassen. Profis von der echten Sorte. Maulen, wenns Firlefanz ist, aber wenns um was geht lassen sie die Kuh fliegen. RICHTIG.

Meine Adrenalinpumpe läuft leer. Ich muß aussehen wie der lebende Tod. Wenn sogar der Ober mich zu einem Kaffee schickt.

Auf dem Weg nach draussen treffe ich den Typ in Unterhosen (mittlerweile vollständig angezogen). Es ist der Freund. Und vom Fach. Hat direkt mit der Reanimation begonnen.

Jetzt ist er nicht mehr cool. Aber als es darauf ankam hat er die Arschbacken zusammengekniffen und war Profi. Ein Held. Wenn sie das übersteht, verdankt sie das ihm.

Jetzt darf er zerfallen.

Wir nicht. Wir machen die Kiste wieder klar, schütteln uns die Hände. Melden uns wieder frei.

Status Eins.

Besondere Vorkommnisse:

Keine.

15. Oktober 2010 Posted by | Daily Buisness, Golf November, Notarzt, Notfall | , , , | 24 Kommentare

Daily Buisness: Hyperventilation

Zum Glück sind ja die meisten Krankheitsbilder in der Notfallmedizin eher harmlos.

Entweder weil sie sich von alleine lösen, oder weil sich von vorneherein nicht lebensbedrohlich sind. Oder weil die Einsatzmeldung schlimmer war als der Einsatz.

Die klassische Hyperventilation kriegt man als Notarzt mittlerweile eigentlich nur noch zu sehen, wenn die Einsatzmeldung „kriegt keine Luft mehr“ war und man mitalarmiert wird.

Die Hyperventilation selbst kann aufgrund von Aufregung, Schmerzen, Depression oder Panik entstehen.

Dabei erhöht sich die Atemfrequenz und/oder die Atemtiefe, es wird vermehrt Kohlendioxid abgeatmet, der pH-Wert des Blutes steigt (respiratorische Alkalose, Danke für die Korrektur) und es kommt zu einer relativen Hypokalziämie, die wiederum zum den Sypmtomen führt, wie Kribbeln in den Händen bis hin zur „Pfötchenstellung“ und genereller Hypererregbarkeit von Nerven.

Normalerweise führt ein hoher CO2-Gehalt des Blutes im Gehirn zu einer Gefäßerweiterung, ein niedriger zu einer Verengung. Es kommt also zusätzlich zu der paradoxen Situation, daß trotz ausreichendem Sauerstoffgehalt im Blut zuwenig davon beim Hirn ankommt. Und das macht dann die bekannte Atemnot. Und der oder die Betroffene atmet noch schneller.

Die Behandlung ist dann auch genau darauf abgestellt:

Der niedrige CO2 muß wieder in die Höhe, der Erregungszustand unterbrochen werden.

Manchmal reicht schon beruhigendes Zureden und Abschirmen des Patienten, man kann ihm durchaus „voratmen“, schön langsam, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

Die alte Geschichte mit der Plastiktüte zur Rückatmung von Kohlendioxid funktioniert in meiner Erfahrung nur dann, wenn die Patienten den Zustand kennen und schon mal hatten. Aber dann rufen sie auch nicht den Rettungsdienst.

Es gibt aber mittlerweile schöne Rückatmungsmasken, die aussehen wie Sauerstoffmasken und damit die Illusion erzeugen, man würde dem Patient etwas geben.

Wenn das alles nicht hilft, kann man sich als Notarzt immer noch mit einem Sedativum behelfen. Midazolam dürfte meines Wissens auf allen Rettungsmitteln verfügbar sein.

Aber da kann man schon aufs Maul fallen. Mir hat mal eine Dame, die anders nicht aus ihrer Hyperventilation zu kriegen war auf ein Milligramm Midazolam das Atmen eingestellt. Kein Drama, nur mußte sie eben überwacht werden und böse Blicke in der Ambulanz fängt man sich damit auch ein…

Ausserdem verbaut man sich so den Weg, dem Patienten vielleicht einen Transport zu ersparen.

Was man früher mal gemacht hat war, Kalzium zu geben oder den Säure-Basen-Haushalt anders auszugleichen. Hat sich aber herausgestellt, daß das nur Placebo-Effekte sind. Placebos kann man sich da schon zu nutze machen, da die klassische Hyperventilation ja eine psychische Kiste ist. Warum also nicht gleich da ansetzen? Allerdings würde ich es da eher mit NaCl versuchen.

Die Diagnose der Hyperventilation ist meistens eine Blickdiagnose. Wenn der Patient dazu passt und die Symptome kommt man normalerweise schnell dahinter, was es ist. Es lohnt sich, gerade wenn der eigene Adrenalinpegel mal wieder kurz unterhalb der Stratosphäre schwebt, tatsächlich mit einer Uhr daneben die Atemfrequenz auszuzählen.

Aber man muß natürlich andere Ursachen im Hinterkopf haben. Auch ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Schlaganfall, eine Entzündung oder eine Vergiftung kann dazu führen.

Insgesamt ist die Hyperventilation aber eher eines der „harmloseren“ Krankheitsbilder im Rettungsdienst.

P.S.: Natürlich sind solche medizinischen Beiträge von mir ohne Gewähr und im Zweifel fragen sie ihren Arzt oder Apotheker… 😉

28. Juli 2010 Posted by | Daily Buisness, Notfall | , | 5 Kommentare