Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Failsafe

Wir sind alle nur Menschen. Und Menschen machen Fehler.

Der Trick besteht nun darin, diese Fehler zu vermeiden.

In meiner „Karriere“ als Notarzt ist es mir nur ein paar Mal passiert, daß ich ein falsches Medikament in die Hand gedrückt bekommen habe.

Aber es passiert.

Natürlich könnte man sich nun darauf ausruhen und sagen „der da hat das falsche Kraut aufgezogen“.

Ist aber Blödsinn. Das ist die „Schuldfrage“.

Klar, die mag vor Gericht vielleicht mal relevant sein. Aber in der Praxis ist sie das nicht.

Die Praxis muß sich darum kümmern, wie man das Problem reduziert, wenn nicht sogar ganz ausschliesst. Wer Schuld ist, ist Lutscher. Am Ende sowieso der Notarzt…

Also, Jungs und Mädels, Rettungsdienstler und Notärzte: Zeigt die Ampulle vor! Schaut sie euch an!

Nicht, weil der eine dem anderen nicht vertraut. Sondern weil Fehler passieren.

Und den Fehler mit der falschen Ampulle kann man minimieren, wenn man die Pulle noch mal hochhält und sie sich auch noch mal anschaut!

Klopf auf Holz! Bis jetzt wars immer nicht so wild.

Gut, eine Pulle Morphin statt MCP (war einfach falsche Reihenfolge) mal eben reinjagen macht den Patienten blümerant, aber schadet ihm erst mal nicht (hätte er sowieso bekommen).

Eine Pulle Novalgin schnell i.v. ist nicht der Brüller… Aber bringt ihn nicht um.

Eine Pulle Cordarex (Amiodaron) statt Beloc vielleicht schon.

Von Katecholaminen wollen wir mal gar nicht reden.

 

Und das wars noch nicht: Ich stecke auch gerne Spritzen in Jackentaschen. Bis jetzt habe ich die immer hinterher entsorgt… aber laß da mal drei unterschiedliche Medikamente in der Tasche rumoxidieren: Mal ab von irgendwelchen Haltbarkeiten: wenn man sich die falsche Spritze aus der Jackentasche puhlt und den Patienten gibt, kann das ganz schön scheisse sein.

„Normalerweise“ ist beispielsweise Succinylcholin in 100 mg Ampullen. Aber es gibt auch 500 mg Trockensubstanzen. Da bleibt was über… und landet vielleicht in einer Tasche.

Wenn man nun statt – sagen wir mal – Ketanest mal eben 400 mg Succi spritzt (weil der Rest noch in der Tasche rumlag), dann freut das den Patienten eher nicht.

Und die Berufshaftpflicht auch nicht. Oder doch: Weil da braucht sie gar nix machen. Der Arzt ist aber möglicherweise seine Approbation los….

(Ist nicht mir passiert und war der Geschichte nach auch anders: Ketanest statt irgendwas anderem… was auch nicht so schlimm war, denn Ketanest hilft auch gegen Asthma….)

 

Aber das muß alles nicht sein. Durch so simple Kisten wie „Ampulle zeigen und angucken“ und „keine halben Spritzen in Taschen stecken“.

 

 

14. April 2016 Posted by | Daily Buisness, Notarzt, Notfall | , , , , | 1 Kommentar

Der Bauch

Nein, nicht der chirurgische Bauch. Anderswo auch „akutes Abdomen“ genannt.

Der Bauch des Personals. Mein Bauch. Der Bauch der Pflegekraft, die seit dreissig Jahren im Job ist.

Nein, auch kein Hunger.

Das „Bauchgefühl“. Dieser Moment, wenn du merkst „da stimmt was nicht“, auch wenn du den Finger nicht drauflegen kannst, wenn du nicht weißt, was da nicht stimmt.

Ich war ja schon lange nicht mehr hier und habe schon lange nichts mehr geschrieben. Ich kann auch nicht großartig versprechen, daß es jetzt anders werden würde!

Aber Nuja. Auf einem anderen Blog ist mir gerade ein Post aufgefallen.

Da gehts genau darum.

Narkosearzt unterwegs„. Klingt ja erstmal irgendwie auch nach mir, obwohl ich eigentlich „nur“ noch Notfallmedizin mache.

Und da eben jener Satz: „Mein Bauch sagt mir, dass hier irgendwas im Busch ist.

Oh ja! Das Bauchgefühl kennen wir alle!

Wir wissen manchmal nicht, was oder warum. Aber irgendwas schmeckt da nicht.

Als würde das Unterbewusstsein sich melden und den Finger recken, aber wie das so ist mit dem Unterbewusstsein: So wirklich verständlich ist es nicht.

Ich möchte das noch erweitern. Ich meine sogar, daß irgendwo hier im Blog schon mal gemacht zu haben.

Wenn dir eine Schwester oder ein Pfleger oder ein Rettungsassistent sagt, daß ihm/ihr da was nicht schmeckt, daß das „Bauchgefühl“ sich meldet, dann sollte man darauf hören.

Auch und vor allem dann, wenn es Leute sind, die schon eine halbe Ewigkeit im Job sind.

Oh, oft genug wars dann nix. Aber immer mal wieder ist es dann doch was. So wie in diesem anderen Blog. Und bei mir: War fast eins-zu-eins dasselbe. Nix gescheites wars nix, wirklich greifbar wars auch nicht, aber das „Magengrummeln“ war da.

Ich arbeite ja nun eher selten mit anderen Notärzten zusammen. Das ist einfach der Job. Nur selten arbeitet man wirklich an einem Patienten. Oder hat großartige Berührungspunkte. Fachlicher Natur, mal ab von dem ein oder anderen Stammtisch.

Aber man hört Stories. Horrorstories teilweise. Notärzte, die im Leben nicht auf die Idee kämen, daß Rettungsassistenten, -Sanitäter oder Notfallsanitäter ja auch nicht ganz blöd sind und auch mal gute Ideen haben. Und eben auch einen „Bauch“ haben. Auf den man hören sollte.

Mir erst vor Kurzem zugetragen worden: „Studier erstmal Medizin, bevor du da was sagst…“

Bullshit! Ja klar. Idioten hats auch im Rettungsdienst, keine Frage. Kann ich ein Lied von singen. Naja, kein langes. Nur ein kurzes. Ein Haiku vielleicht. Oder ein Limerick.

Aber normalerweise sind die weit überwiegende Mehrheit der Rettungsdienstler nicht doof.

Ich persönlich habe mir angewöhnt, laut zu denken im Notfalleinsatz. Also meine Gedankengänge offen zu legen.

Auch da muß man aufpassen: Es gibt Rettungsdienstler, die alles gleichzeitig machen wollen… und denn die Labertasche von Notarzt sich überlegt, ob sie nun Antiarhythmika anfasst oder nicht, dann kanns passieren, daß die aufgezogen sind, obwohl es nur eine Überlegung war…

Nuja. Langer Rede, kurzer Sinn:

Bauchgefühl nicht ignorieren. Besser ist das.

 

 

 

14. April 2016 Posted by | Notarzt, Notfall | , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schnittstellen des Rettungsdienstes

Ich habe mich ja an einer Stelle schon mal über die eine Schnittstelle ausgelassen. Wo der Rettungsdienst der „Empfänger“ ist: Der Empfänger des Patienten. Gut, da fühlte sich gleich einer auf den Schlips getreten. So im Nachhinein würde ich mal sagen: Trocknertheorie.

Egal. Das ist natürlich nicht die einzige „Eingangsschnittstelle“ für den Rettungsdienst und den Notarzt. Gibt ja noch mehr abstruse Geschichten, wo wir so unsere Patienten herbekommen. Dazu an andere Stelle vielleicht mehr.

Aber so sehr wir uns auch um unsere Patienten kümmern, wir behalten sie ja nicht ewig. Wenn wir sie nicht gerade zu Hause lassen (Klassiker: Hypoglykämie bei bekanntem insulinpflichtigem Diabetes mellitus), landen sie fast immer im Krankenhaus.

Und da sind wir dann bei der nächsten Schnittstelle: Der Notaufnahme. Jedenfalls meistens.

Normalerweise läuft da recht gut. Mit den üblichen Haken und Ösen. Denn oft ist erstmal kein ärztlicher Kollege da und muß erst gerufen werden. Macht ja nix, ist ja ok so, vor Allem nachts. Dann gibts einen kurzen Abriß für die diensthabenden Schwestern und Pfleger. Die sollten meiner Meinung nach ja auch wissen, was ich denen da vor die Tür lege…

Am Tage sind öfters auch Ärzte in den Ambulanzen. Wie gesagt: Das soll keine Kritik sein. In den meisten kleinen Häusern ist ja nicht ein Arzt permanent in der Ambulanz, sondern hat im Haus auch noch anderes zu tun.

Dann ist das Problem allerdings, den Richtigen zu finden. Bei glasklaren Fällen ist das kein Thema… aber es passiert mir auch immer mal wieder, daß ich mein Sprüchlein beginne aufzusagen und dann aber zum Chirurgen weiter verwiesen werden. Oder zum Neurologen. Oder welche Fachrichtung auch immer. Was lustigerweise auch wechselt, je nach Tageszeit. In manchen Häusern gibt es am Tage einen Neurologen (für die TIAs, Schlaganfälle und Konsortien), nachts machen das aber die Internisten mit. Und wenn man nicht immer die genaue Uhrzeit auf dem Schirm hat und auch nicht so genau die Wechselzeiten kennt, kann es schon mal passieren, daß man sein Gedicht dem Falschen aufsagt.

Je nachdem, was denn der Patient hat, macht es trotz der verschiedenen Systeme durchaus Sinn zusätzlich auch selbst noch mal einfach dort anzurufen. Schlicht um das „Stille-Post“-Phänomen zu minimieren: Ich sags dem Rettungsassistenten (-Sanitäter, bzw. Notfallsanitäter), der sagts der Leitstelle, die sagts dann der Pflegekraft, die in der Ambulanz gerade ans Telefon geht („Schülerin Bettina, Ambulanz Krankenhaus Trallala, guten Abend“), die sagts dann irgendjemand in der Ambulanz, die sagts dem Arzt… was dazwischen aus Diagnosen alles werden kann, ist wirklich witzig.

Oh, wieder keine Kritik gemeint. Aber was durch soviel Köpfe durchgeht, verändert sich einfach.

Wenn ich also den für Blinde sichtbaren Hebungsinfarkt habe (also nicht ich sondern der Patient), macht es Sinn, mindestens noch mal selbst in der Ambulanz oder noch besser, gleich im Herzkatheder anzurufen („Glüht die Kiste schon mal vor“). Oder beim Apoplex im Zeitfenster gleich den Neurologen zu nerven.

Wenn ich in der Ambulanz bestimmte Dinge brauche, macht es auch Sinn, das direkt zu machen.

Wenn ich also einen instabilen Patienten auf der Trage habe, dann ists meiner Erfahrung nach keine blöde Idee, selber anzurufen und den/einen Schockraum klar zu machen. Sonst kann es passieren, daß man da steht und mit dem Patienten nirgends hin kann.

Selbst wenn es ein lustiges System gibt, daß diese Information auf einen Bildschirm projiziert.

Den meiner Erfahrung nach ohnehin oftmals keiner beachtet. Egal, was man anmeldet. Manchmal  ist dieser Bildschirm auch so in einer Ecke untergebracht, daß man – selbst wenn man vom Personal her darauf achten würde – ihn gar nicht im Blick hat.

 

Aber da ist jetzt das Problem: Denn manchmal geht das nicht. Manchmal kann man nicht anrufen.

Der Motorradfahrer, der zwei Straßen vom Krankenhaus entfernt in ein Auto kracht.

Wenn man entsprechend ITLS/ATLS handelt (Kurzfassung: Mach hinne! Draussen nur, was absolut notwendig ist – Stichwort: Lebensrettende Sofortmaßnahmen – alles andere später. Da fällt der venöse Zugang schon unter „geht auf der Fahrt“), dann ist man am Unfallort schnell wieder weg und drei Minuten später auch schon in der Ambulanz. Und – wie das immer so ist – hat die orientierende Grobuntersuchung beim Einfahren in die Fahrzeughalle gerade mal so eben fertig.

Natürlich wäre es wünschenswert, irgendwo die Zeit zu finden, doch mal der Ambulanz Bescheid zu geben.

Dummerweise ist dieses System Notarzt->Rettungsassistent->Leitstelle->Monitor in der Ambulanz langsamer als die drei Minuten Anfahrt. (Fakt: Fünf Minuten nach Ankunft in der Notaufnahme kam die Meldung auf dem Monitor…)

Mit dem Resultat, daß man da steht, erstmal Hektik ausbricht weil ich frecherweise einen Schockraum will, der aber belegt ist und das Gefühl hat, dem diensthabenden Chirurgen erstmal zu erklären, was eigentlich Sache ist. Wenn man dann noch an einen von der Sorte gerät hat man Spaß.

Wenn man dann noch von irgendeiner Seite den Kommentar bekommt „nächstes Mal anrufen“ möchte man sich eine Tischplatte suchen, in die man beissen kann.

Ich sehe das Problem.

Und bin dann wieder bei meiner Philosophie, daß der Praktikant an Allem Schuld ist.

Irgendeinen Praktikanten gibts immer. Und der kann eh nix dafür, aber die Schuldfrage ist geklärt.

Und man kann sich um die Lösung des Problems kümmern.

Fünf Mal sagen „ihr habt nicht angerufen“ ist kontraproduktiv, verschwendete Zeit und löst in keinster Weise das Problem: Nämlich den Traumapatienten durch die Diagnostikmühle zu drehen und entsprechend zu handeln.

 

 

Um das klarzustellen: Wenn ich die Zeit habe, rufe ich auch an.

Und um das auch zu sagen: Die betroffene Ambulanz hat dann schon geschaltet. Ziemlich schnell war das entsprechende Schockraumteam da. Zeitverlust war gefühlt keiner.

Und gerade in so einem Fall, wo ich bestenfalls vor der Notaufnahme eine Minute hätte warten können um anzurufen, warte ich doch lieber die Minute im Schockraum mit mehr Platz und mehr Personal.

Das soll also keine Kritik an dieser Notaufnahme sein. Denn die war – wenn man mal vom mehrfachen „warum hast du nicht angerufen“ absieht – schnell und kompetent.

 

 

P.S.: Wen es interessiert: Der Moppedfahrer hatte Dusel. Nicht unverletzt, aber auch nichts Dramatisches.

 

 

 

12. April 2016 Posted by | Daily Buisness, Klinik, Notarzt | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar