Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Golf November IV

Ich will etwas schreiben.

Aber ich kann nicht.

Ich bin nicht seit gestern Notarzt. Ich habe schon so einiges gesehen.

Aber es fällt mir schwer. Wenn ich darüber nachdenke, verschwimmt alles vor den Augen. Tränen auf den Wangen.

Im Einsatz ignoriert man das. Läßt den Autopiloten machen. Man hat das gelernt. Weiß, wie es geht, weiß, was wann zu tun ist. Da kann man alles andere abschalten. Fokussieren. Ein Ziel, eine Aufgabe.

Es geht nur um EINS. Laß die Knie knirschen. Egal. Der Rücken meldet sich. Egal.

Aber die Nächte sind lang.

Ein weiteres Gesicht, daß dich in dem Zeitraum zwischen Schlaf und Wach ansieht.

Nicht mal vorwurfsvoll. Nur ansieht.

Keine Vorwürfe. Da ist nichts, was hätte anders gemacht werden können.

Wir haben getan, was irgendwie möglich war. Die Knie haben geschmerzt, der Rücken hat gejault. Wir haben es ignoriert.

An irgendeiner Wand habe ich Haut hängen lassen. Egal. Nicht wichtig. Wichtig war nur EINS.

Diesen Menschen so heil es geht dahin bringen, wo sie mehr tun können als wir das draussen können. Wo es all das gibt, was moderne Medizin zu bieten hat.

Wir haben viel. Wir können draussen viel tun. Aber nicht alles.

Wir haben alles getan, was möglich war. Hätte ich mehr tun können, hätte ich das getan.

Aber so weh das tut. Wir retten nicht alle. Wir können zaubern, wir können unmögliches möglich machen.

Aber diesmal war das alles nicht genug.

Egal, was wir tun. Manchmal ist es nicht genug. Wir tun mehr als alles. Wir geben alles.

Laß den Rücken eben krachen, das ist nicht wichtig, nicht jetzt.

Aber es ist nicht genug. Wir retten nicht alle. Egal, wie sehr wir wollen, was wir auch tun.

Manchmal geht es nicht.

Manchmal ist es nicht genug.

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21. Oktober 2010 - Posted by | Golf November |

11 Kommentare »

  1. ich bin sprachlos..und weiß wie du fühlst…

    Kommentar von alltagimrettung | 21. Oktober 2010 | Antwort

  2. schluck…

    Kommentar von murmel | 21. Oktober 2010 | Antwort

  3. Furchtbar.. 😦 ich könnte mit so einem Job nicht umgehen, umso mehr froh kann ich sein, dass es Menschen wie dich gibt – auch wenn ihr nicht alle retten könnt.

    Kommentar von Jenics | 21. Oktober 2010 | Antwort

  4. Puuh, klingt das gefrustet… Geht es um die junge Frau, die ihr reanimiert habt?

    Kommentar von Nastassja | 21. Oktober 2010 | Antwort

  5. * schrecklich,
    * ihr habt ALLES getan was möglich war

    * Vor kurzem wurde hier, fast vor unserem Haus, eine Radfahrerin (Mutter von 2 Kindern, 35 Jahre) vor den Augen ihres Mannes von einem Auto erfasst. Die Retter haben alles getan, sie hat es nicht geschafft. Ihr Mann hat sich wenige Tage später bei der Wache bedankt, er hat gespürt, das diese Menschen seine Frau nicht gehen lassen wollten und alles getan haben was sie tun konnten. Gemeinsam haben sie getrauert.

    Kommentar von herzlichchaotisch | 21. Oktober 2010 | Antwort

  6. ich drück Dich mal …. und Danke Dir dafür, dass Du mich lesen läßt….und danke Dir dass es Menschen wie Dich gibt

    Kommentar von puhvogel | 22. Oktober 2010 | Antwort

  7. Wegen Leuten wie dir glaube ich noch immer an den Arztberuf! Danke.

    Kommentar von SabrinaS | 22. Oktober 2010 | Antwort

  8. Die schwerste Erkenntnis in allen Berufen, bei denen es um Menschen geht – „Du kannst nicht alle retten. Manchmal gewinnt der Drache“

    Kommentar von Anke | 27. Oktober 2010 | Antwort

  9. Ich klopf mal an und hoffe, dass ich dich nicht störe. Hallo erst mal. Ich bin Mandy, 43 Jahre und Altenpflegerin. Deinen Blog habe ich jetzt mehrmals gelesen, denn du beschreibst genau das, was ich mir auch immer sagen muss. Du kannst nicht jedem helfen und du darfst auch nicht mit jedem sterben. Das alles ist immer so leicht gesagt, ausgeführt dann weniger. Ich bin beeindruckt von deiner Blogseite und ich werde dich jetzt einfach mal verlinken, da ich solch gute Seiten nicht aus den Augen verlieren möchte. Ich hoffe, es ist ok, ansonsten bitte eine Nachricht und ich ändere alles ab. Zum Schluß möchte ich noch eines anmerken – ich lag seit letztem Jahr vier mal im KH, 2 kleine Op, zwei Große. Bei der ersten Großen wäre ich fast über den Jordan gesprungen, weil mit der Narkose einiges schief gelaufen ist und von dem KH in XXX nicht die Info gegeben wurde, dass ich eigentlich ein Risikopatient bin. Man kann mich nicht auf normalen Wege intubieren, sondern nur mit Hilfe der fiberoptischen Intubation. Ich habe drei Ärzte in der Vorbereitung verbraucht und ich möchte so etwas nie, nie wieder erleben. Als die zweite große OP anstand, merkte man an, dass man mir diese Prozedur ersparen wollte und ich nur eine Lokalanästhesie bekommen sollte. Ich merkte aber schon, dass irgendwas nicht stimmte, denn ich spürte noch alles. Der Doc meinte, dass wäre ok und damit begann das neue Drama. Frag mich nicht, wie die mich dann in den Schlaf gebracht haben. Das Ende vom Lied waren 3 Tage ITS und dann volle 15 Tage Normalstation. Ich habe zwei TEP. Ich höre jetzt lieber auf, sonst schreibe ich einen Roman. Auf alle Fälle mal ein Danke an alle, die mich am Leben gehalten haben. Dir noch einen schönen Abend. Mandy

    Kommentar von Blindbat | 27. Oktober 2010 | Antwort

  10. Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Nur Verständnis, und Zeit, die vergehen muß.

    Kommentar von arzt4empfaenger | 26. November 2010 | Antwort


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