Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Arbeitsbedingungen

Da Josephines Brötchengeber ihr gerade die WordPress-Seite dicht gemacht hat, hab ich mir mal wieder Gedanken über Arbeitsbedingungen generell gemacht.

In der momentanen Arbeitsmarktsituation bei den Medizinmännern und -Frauen kommt es ja darauf an, die Leute die ich habe zu halten und nach Möglichkeit neue zu bekommen, die dann auch bleiben.

Oder ich muß für teures Geld Freelancer wie mich heuern. Und selbst das wird zunehmen schwierig.

Wir haben einen handfesten Ärztemangel. Und wir „Freelancer“ kommen ja nicht wie die Karnikel aus dem Zylinder.

Wir kommen aus dem selben Pool wie alle anderen auch. Mehr noch, denn um Freelancer zu sein, braucht man eine Zulassung für die ganze Republik. Die Kollegen aus dem Kongo scheiden also schon mal aus.

Wie gesagt, eigentlich liegt es im Interesse des Arbeitgebers, seine Leute zu halten.

Selbst jemand mit geistiger Grundkonfiguration sollte klar sein, wie das geht: Durch die Arbeitsbedingungen.

Die sind in der Medizin schon mal systembedingt nicht so rosig.

Nachtdienste, Wochenenden, Notdienste sind einfach da, müßen gemacht werden und lassen sich auch nicht wegorganisieren.

Andere Probleme sind änderbar. Die vielbemängelte Hierarchie könnte man abbauen. Die Bezahlung ist einfach nicht eben rosig. Die Weiterbildung ist oft nicht berauschend.

Manche Häuser beweisen, daß das geht. Ich weiß von einigen jungen Kollegen, daß sie bei Vorstellungsgesprächen zum Teil einen wirklich durchdachten Plan für ihre Facharztausbildung angeboten bekamen und praktisch garantiert bekamen, daß sie alles, was sie für den Katalog brauchten in der erforderlichen Zeit auch schaffen.

Ein anderer Teil der Arbeitsbedingungen ist weit schwerer zu beeinflussen. Nämlich das Klima in der jeweiligen Abteilung.

Denn da spielen viele Faktoren hinein. Sei es die Dienstbelastung oder wie schwer einem die Verwaltung den Job macht.

Es macht einfach nicht besonders viel Spaß, JEDEN Gehaltszettel nachprüfen zu müßen. WIE oft hab ich darauf Fehler gefunden. Und IMMER zu meinen Ungunsten. Nie umgekehrt.

Was habe ich da schon für Geschichten gehört. Da wurde versucht beim Ausscheiden Überstunden zu einem lächerlichen Satz auszubezahlen.

Da wurde versucht, für Minusstunden Urlaubstage zu verrechnen.

Da wurden Dienste manchmal einfach NICHT bezahlt.

Auch die Geschichte von Josephine geht in diese Richtung. Natürlich gibt es Dienste. Geht ja auch gar nicht anders. So ist nun mal der Job.

Es macht aber einfach Unmut, wenn die ohnehin schon schlechten Rahmenbedingungen, die nun mal nicht zu ändern sind, weiter verschlechtert werden.

Ich habe schon Dienstzimmer erlebt, die – gelinde gesagt – unter aller Sau waren. Und zwar nicht, weil der Vorgänger so ein Ferkel war, sondern weil die Einrichtung (die ja nun wirklich nichts Wildes sein muß) aussah, als käme sie vom Flohmarkt. Oder vom Sperrmüll. Durchgelegene Matrazen, versiffte Bettwäsche.

Die Spanne der Dienstzimmer ist riesig.

Und da ein Bereitschaftsdienst nun mal ein Bereitschaftsdienst ist und eben keine „Vollarbeit“ und wir nun mal qua definition eigentlich die Hälfte der Zeit in diesen Zimmern verbringen sollen, schlagen manche Bruchbuden echt aufs Gemüt.

Fernseher hats es mittlerweile überall. Wenigstens das. Aber auch hier ist die Spanne riesig. Das reicht vom Breitbild-Plasma-Superteil bis zum 12-Zoll-Mini-Ding, bei dem man eigentlich nur zwei Schneemänner im Schneetreiben sehen kann, wenn man mit der Lupe nachsieht.

Gut, für das Programm kann der Arbeitgeber nichts. Da muß ich nichts dazu sagen…

Und natürlich das Internet. Wir sind im 21sten Jahrhundert.

Natürlich darf ich während der Arbeitszeit nicht privat im Internet surfen. Oder bloggen. Oder eMails abrufen. Oder Nachrichten lesen.

Aber im Bereitschaftsdienst? Klar, formal darf der Arbeitgeber das Internet einschränken. Auch im Dienst, er bezahlt ja schliesslich den Zugang.

Aber wenn ich im Nachtdienst nicht mal mehr im Netz unterwegs sein darf, dann verschlechtert das die Arbeitsbedingungen. Und wieder steigt die Unmut und wieder ist das Klima etwas schlechter.

Mich selbst als Freelancer betrifft das alles nicht mehr. Ich schlage mich nicht mehr mit Verwaltungen rum. Ich schreibe eine Rechnung, wenn nach der gegebenen Zeit kein Geld da ist, gibt es eine Zahlungserinnerung mit Frist, wenn die verstreicht, gibt es eine Mahnung mit Gebühr.

Hat bis jetzt immer geklappt. Eine Stelle war mal böse überrascht. „Wie, sie wollen nach zwei Wochen schon Geld? Normal dauert das drei Monate!“

Nee, Lady, dauert es nicht. Solche Gimicks könnt ihr vielleicht mit Angestellten treiben, aber nicht mit Freelancern.

Über die Unterkünfte debattiere ich auch auch nicht. Ich habe momentan ein Geschichte am Laufen, die wollten mich in ein Wohnheim packen, mit Dusche auf dem Flur. Ja nee ist klar. Überlegt euch besser etwas anderes…

Denn für Wohnheimgeschichten bin ich zu alt. Mal einen Tag oder zwei. Klar, man ist ja flexibel. Vielleicht mal eine Woche. Aber da gehts nicht um eine Woche.

Ums Internet kümmere ich mich selbst. Ein Netbook, ein UMTS-Stick, das wars. Manchmal wird ein WLan angeboten, vor allem bei Notarztdiensten.

So muß ich mich nicht auf Diskussionen einlassen. Und bin autark.

Ich habe also meinen Weg gefunden, mir meine Arbeitsbedingungen nicht erkämpfen zu müßen.

Aber darum geht es: Warum mußte ich früher erfolglos versuchen, sie zu erkämpfen? Warum muß sich Josephine mit sowas rumschlagen?

Es muß doch jedem Arbeitgeber, der mehr als zwei IQ-Punkte hat klar sein, daß er dafür sorgen muß, daß die Leute GERNE bei ihm bleiben, wenn der Markt eben so ist, wie er nun mal ist. Natürlich KANN er das Internet beschränken. Er kann auch den Fernseher ausbauen. Und das Mobiliar vom Sperrmüll holen.

Aber dann muß er sich damit abfinden, daß der Unmut steigt und Leute eher wieder gehen und wo anders anfangen, wo die Bedingungen besser sind.

Und auch für einen Freelancer muß er dann tiefer in die Tasche greifen. Ich KANN in irgendwelchen Bruchbuden übernachten, WENN man mir das entsprechend versüßt. Aber für den Standard-Satz mache ich das nicht.

Ich glaube, der Markt wird sich bei uns noch eine ganze Weile eher verschärfen als entschärfen. Angebote unter Par klicke ich direkt weg. Mag schon sein, daß es vor drei Jahren noch ging, für 40 Euronen einen Honorararzt zu kriegen. Heute? Sicher nicht.

Irgendwann werden es auch die noch Angestellten merken: Leute, ihr sitzt am langen Hebel! Wenn euch ein bestimmter Teil für den Facharzt fehlt, setzt dem Arbeitgeber freundlich aber bestimmt die Pistole auf die Brust. Denn das Krankenhaus am anderen Ende der Stadt bietet euch vielleicht genau das an. Und nimmt euch mit Kußhand. Denn offene Stellen haben mittlerweile eigentlich ALLE.

So, daß war mal wieder ein „Rant“… 😉

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6. Oktober 2010 - Posted by | Allerlei, Honorararzt, Klinik | , , ,

12 Kommentare »

  1. da hast du vollkommen Recht. Aber ich glaube, denen Chefs ist das leidlich egal, leider.

    Kommentar von alltagimrettungsdienst | 6. Oktober 2010 | Antwort

    • Es geht dabei nicht mal um die „Chefs“. Die wissen das zum Teil recht genau. Aber die sind heutzutage nicht der Arbeitgeber. DAS ist irgendein Futzi in der Verwaltung.

      Kommentar von Kormak | 6. Oktober 2010 | Antwort

  2. Nee, Lady, dauert es nicht. Solche Gimicks könnt ihr vielleicht mit Angestellten treiben, aber nicht mit Freelancern.

    nee, wie cool ist DAS DENN???? mir haben sie mal ein volles jahr lang zu wenig dienste bezahlt (war aufgrund der hyroglyphisch anmutenden lohnzettel leider nicht wirklich nachzuvollziehen), und nachdem ich ihnen dann mithilfe meines anwalts klar machen konnte, daß ich das geld auf alle fälle noch haben wollte, hieß es auch nur: „Das dauert dann aber 3 Monate…!!!!“

    und ich betone es immer wieder gerne: bei uns ist mitnichten der chef das schwarze schaaf, sondern vielmehr die mitglieder der verwaltung – der boss hat nämlich für solch schwachsinnige ideen überhaupt keine zeit…

    Kommentar von Heldin Im Chaos | 6. Oktober 2010 | Antwort

    • Schon klar. Die Chefs sind es meistens nicht.
      Der HickHack ist mit der Verwaltung.

      Deinem Chef ist es wahrscheinlich ziemlich Panne, was du im Bereitschaftsdienst während der „freien“ Zeit machst. Und solang du nicht nachvollziehbar SEINE Abteilung meinst, kann er da auch nichts machen.

      Ich bin ohnehin überrascht, daß du über den Klinikzugang bloggst. Denn DAS ist nachvollziehbar. Landet alles im Cache. Denk ich, wenigstens.

      Wie gesagt, Netbooks gibts günstig und ein Prepaid-UMTS-Stick von D1 oder D2 (Pro7 oder N24 fallen mir da ein) ist auch nicht teuer.
      Ich hacke hier auch gerade ins Netbook. Tastatur ist groß genug…

      Und für die Sicherheitsfanatiker: Selbst wenn die Vorratsdatenspeicherung wieder kommt… mit UMTS-Sticks hilft die NICHTS. Denn da hat eine IP mehrere Nutzer…^^

      Kommentar von Kormak | 6. Oktober 2010 | Antwort

      • Auch wenn der UMTS-Anbieter NAT macht (also eine IP auf viele Nutzer verteilt), der wird das festhalten. Als Diensteanbieter ist er dazu verpflichtet…

        Kommentar von Malte Diedrich | 6. Oktober 2010

      • Mag sein, mag sein… aber WAS loggt der bei Prepaid?
        Klar, wenn ich mit Kreditkarte bezahle, dann geht es darüber.
        Aber wenn ich „nur“ die Prepaid-Karten verwende?
        Da IST nichts zum loggen.
        Die Dinger gibts im Laden und können bar bezahlt werden. Ebenso die Karten. Angabe von Namen nie nötig gewesen.
        (Denk ich wenigstens. Ich hab das Teil über Netz bestellt und da hinterliegt natürlich ein Name. Aber das MUSS ja niemand so machen…)

        Kommentar von Kormak | 7. Oktober 2010

      • dann isses natürlich anonym…

        Kommentar von Malte Diedrich | 7. Oktober 2010

      • Was witzigerweise die ganze Begründung für bspw. die Vorratsdatenspeicherung ad absurdum führt.

        Kommentar von Kormak | 8. Oktober 2010

  3. Sehr guter Beitrag, mir fehlt der Facebook-Like-Button.

    Kommentar von Malte Diedrich | 6. Oktober 2010 | Antwort

  4. Punktgenau. Danke.

    Kommentar von dianaswelt | 6. Oktober 2010 | Antwort

  5. Ich glaube einfach, dass bei vielen das „Boiling Frog Syndrom“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Boiling_frog) zuschlägt. Verschlechtert man die Arbeitsbedingungen nach und nach, ist der Leidensdruck nicht hoch genug, obwohl ein Neuer oder eben ein Freelancer würde zu den Bedingungen nicht anfangen würde.

    Kommentar von o2junkie | 7. Oktober 2010 | Antwort

  6. So ist es, die Arbeitgeber werden es wohl erst kapieren, wenn sie das Schild „Krankenhaus“ gegen „Pflegeheim“ tauschen müssen, weil sich kein einziger Arzt mehr im Gebäude befindet. Freelancer, Ausland, Wirtschaft… Hauptsache weg…

    Kommentar von Patrick | 11. Oktober 2010 | Antwort


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