Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Freelancer

Die letzten Wochen waren zwar arbeitsreich, aber insgesamt ereignisarm.
Die Woche durchgehender Notarztdienst gestaltete sich als Erholung, der Weg hin und zurück dank des neuen (gebrauchten) fahrbaren Untersatzes als entspannt.
Auch medizinisch nichts Aufregendes zu berichten. Anscheinend sind die Leute momentan eher gesund. Liegt vielleicht am Wetter.

Der Medizynikus hat mich zu Recht zu den „glücklichen Ärzten“ gerechnet und der Aussage von Josephine schliesse ich mich an: Hier bin ich und hier will ich sein.

Denn so ist es. Wobei es für viele im Umfeld, ob das jetzt ehemalige und gegenwärtige Kollegen oder die Rettungsleute sind, anscheinend unverständlich ist.

Ich weiß dann auch nicht, wie ich das vermitteln soll.
Es läßt sich nicht aus Geld reduzieren. Das ist gut. Nicht so gut, wie manche glauben, aber auch nicht schlecht.

Ich arbeite auch nicht weniger als früher. Im Gegenteil. Ich habe diesen Sommer sogar vergessen, mir einen Urlaub einzuplanen. Ich habe manchmal etwas Leerlauf, aber Bürozeiten sind ja auch Arbeit und der Leerlauf wird dafür gebraucht.

Aber ich arbeite nicht mehr fremdbestimmt. Ich mache meinen eigenen Dienstplan. Genaugenommen ist es fast die gleiche „Mühle“ wie zuvor, aber ich teile sie mir selbst ein und zu.

Wenn ich den OP mal nicht mehr sehen kann, plane ich mir Notarztdienste ein.
Wenn ich mal Lust auf einen Tapetenwechsel habe, nehme ich einen Auftrag in WeitWeg an. Oder in GanzWeitWeg.
Wenn ich Zeit mit meinem Nachwuchs verbringen kann, baue ich mir ein langes Wochenende in den Plan. Ich muß keinen Urlaub ein Jahr im Voraus planen oder Urlaubszettel abgeben.

Natürlich erkaufe ich mir diese Freiheit mit fehlender Sicherheit. Wenn ich krank werde, zahlt die Krankenkasse erst nach sechs Wochen. Wenn mal keine Arbeit da ist (kommt vor) verdiene ich auch nichts und kann nicht wie ein Angestellter trotzdem hingehen und Zeit absitzen. Früher nach Hause gehen kostet mich Geld.
Wenn ich im Stau stecke, kostet mich das Geld.
Das irgendwo anders wieder reingearbeitet werden muß.
Einen bezahlten Urlaub gibt es nicht.

Meine Arbeitsmoral hat sich auch verändert.
Wenn man Tag um Tag wie ein Hamster im Rad hängt, bleibt die Lust schon mal auf der Strecke und ab und zu knappst man sich ein bißchen bezahlte Erholungszeit ab. Eine Rauchpause hier, ein paar Minuten mehr Mittagspause…
Seit ich Freelancer bin, achte ich peinlich genau auf meine Zeiten. Ich rechne genau ab, runde eher ab als auf. Die 30 Minuten Pause werden eher zu kurz als zu lang.
Wenn die OPs mal leer laufen und ich eigentlich nicht gebraucht werde, biete ich schon mal an, früher zu gehen und die Zeit nicht zu berechnen, obwohl das im Rahmen des Vertrages möglich wäre. Ich werde bezahlt und gedenke für diese Zeit auch zu arbeiten.

Nicht, daß dies als Angestellter nicht auch so war, aber man wurde schon auch ausgenutzt, die verschiedenen Verwaltungen verrechnen sich immer mal wieder mit den Stunden oder zahlen Dienste nicht aus (warum eigentlich immer nur zu Ungunsten der Mitarbeiter? Ein Schelm, wer böses dabei denkt…).
Oder Nachtdienste, die nicht wirklich Geld brachten und am Ende auch noch Minusstunden auf dem Zeitkonto zur Folge hatten.
Da sinkt dann schon mal die Moral und damit kann dann schon mal die vertragliche Arbeitszeit bei einer Tasse Kaffee auf die acht Stunden gebracht werden, bevor man früher ausstempelt.

Alles nicht mehr. Ich bin meinen Auftraggebern verpflichtet und erbringe ehrliche Arbeit. Ich will nicht bezahlt rumsitzen. Lieber gehe ich früher und werde dafür eben nicht bezahlt.
Ebenso diese unsäglichen Minusstunden nach Nachtdiensten. Passe. Da ich kein Stundenkonto habe, gibt es auch keine Minusstunden mehr.

Auch mein Umfeld merkt das. Als Hamster im Rad, mit eigentlich nichts ausser Arbeit im Kopf, wird man unsozial. Und seien wir mal ehrlich: Welcher Nicht-Mediziner will schon länger mit jemand reden, der nur von seinem Job erzählt? Ehemalige Kollegen sind überrascht, wie entspannt ich bin.

Hat auch einen Nachteil: Da der Stress fehlt, beginne ich ein bißchen anzusetzen. ICH! Der ich nicht mal eine Waage besitze. Der komme was da wolle immer das Gleiche wog! Am Ende muß ich fauler Hund noch Sport machen…

So wie ich meinen Beruf ausübe, habe ich alles was ich will. Ich habe die Macht über mein Leben. Ich komme rum, sehe neue Städte, lerne neue Menschen kennen, neue Arten meinen Beruf zu machen. Muß mich zwar immer wieder neu anpassen, aber das mache ich gerne. Es macht Spaß!

Und dieser Spaß am Beruf und am Leben war bevor ich Freelancer wurde, dabei sich zu verabschieden. Gut möglich, daß sich da auch ein Burn-Out anbahnte.

Auch eine Art der Therapie, die ich jedem empfehlen kann: Wenn du es nicht mehr aushältst, dann ÄNDERE etwas. Geh ein Risiko ein. Versuch was Neues.

Dieser Schritt war die beste Entscheidung, die ich in einer Ewigkeit getroffen habe.

Hier bin ich und ich will hier nicht weg.

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1. Oktober 2010 - Posted by | Honorararzt | , ,

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