Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Die lieben Kollegen…

…aller Fachabteilungen.

Ich glaube, jede Fachrichtung kann davon ein Lied singen.

Die Chirurgen verstehen die Anästhesisten nicht, die Anästhesisten wissen nicht genau, was Internisten so tun und die Radiologen versteht sowieso niemand.

Nachdem ich gestern Nacht im Zuge einer akuten Insomnia eine Art „Ranthier von mir gegeben habe, hatte ich etwas Zeit darüber nachzudenken.

Der Post, auf den ich mich dabei bezog, zeigt viele der Dinge, die Chirurgen bei Anästhesisten nicht verstehen.

Natürlich gibt es Ausnahmen und Abteilungen, bei denen wirklich Hopfen und Malz verloren ist.

Aber im Normalfall sitzen Anästhesisten nicht einfach nur rum und popeln in der Nase. Man sieht uns nur selten arbeiten.

Und mal ehrlich: Wer will schon einen Anästhesisten wirklich ARBEITEN sehen? Denn das bedeutet meistens, daß es einem Patienten nicht besonders gut geht. Die Fälle, in denen ich einen Kollegen habe rennen sehen endeten immer mit einem Totenschein.

Natürlich gibt es auch Dinge, die ich an Chirurgen nicht verstehe. Das kleine Filmchen hier ist leider nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen, wie man hoffen würde.

Da werden gefühlt absichtlich Fakten verschwiegen, weil dann der jeweilige Anästhesist vielleicht nicht „mal eben so“ Narkose macht.

Eine Asystolie ist zwar übertrieben, aber ich habe mittlerweile gelernt, daß man alles, was einem ein Chirurg (oder eine andere operative Fachabteilung, was das betrifft) über einen Patienten erzählt mit Vorsicht zu geniessen ist.

„Nüchtern“ scheint für Operateure etwas anderes zu bedeuten als für einen Gasmann.

„EKs sind bestellt“ kann durchaus bedeuten, daß der Anforderungsschein vor zehn Minuten gefaxt wurde. UND die Tüten auf Abruf in einer entfernten Blutbank liegen.

Ein gesunder Patient kann durchaus mal die klassischen Risiken für eine Maligne Hyperthermie haben.

Und mehr als einmal hat man durch die Blume gesagt bekommen: „Ich hab es dir nicht gesagt, weil du sonst die OP verschiebst.“

Ja, verdammt! Natürlich verschiebe ich sie. Ich setze sie vielleicht ab. Oder treffe Vorbereitungen, wenn es ein Notfall ist, plane ein I-Bett, bestelle ein paar Tüten mehr, bestücke den Patienten mehr.

Oder kläre den Patienten darüber auf, daß die geplante Operation ein knackiges Narkoserisiko hat. Wie es mein Job ist. Auch schon passiert, alles schon erlebt. Woraufhin der Patient lieber doch keine OP wollte. Und der Orthopäde rotglühend vor mir stand.

Sorry, Kumpel. Der Patient ist eben ein bißchen mehr als nur sein Knie.

Egal wie gerne du das operieren möchtest.

Auch immer wieder gerne gehört, wenn aus einer elektiven OP eine Notfall-OP wird, damit sie im Dienst operiert werden kann.

Oder bei einem PDK, für den in diesem Haus die Bedingung „Thrombos mindestens 130.000“ lautet, DREIMAL in einer Nacht gefragt wird, ob denn 110.000 reichen würden. Weil es wären ja nicht mehr die 95.000 von der letzten Messung.

Es KANN sein, daß es völlig unschuldige Begründungen für so eine Vorgehensweise gibt. Mir fällt nur keine ein.

Wir setzen ja nicht zum Spaß OPs ab oder um. Wir verlangen ja nicht aus Jux und Dollerei Herzechos und Lungenfunktionen.

Wir blockieren keine OPs, weil wir die Operateure ärgern wollen. Oder weil uns die Nase nicht passt. Wir sind Profis. Es ist egal, ob ich den Aufschneider mag oder nicht.

Es geht nicht um uns. Es geht um die Patienten.

Das wird allerdings auch gerne ausgenutzt. Da wird der OP-Plan so vollgeknallt, daß die letzten Patienten gar nicht mehr im Tagdienst operiert werden können. Und das weiß man morgens um 8:00 Uhr schon.

Aber „der Arme Patient mußte den ganzen Tag warten“. Tja. Dann erklär ihm mal, warum du es nicht geschafft hast, ein machbares OP-Programm zu schreiben.

Es gibt aber auch andere Kollegen. Für die es überhaupt keine Frage ist, daß ein Patient für einen OP, die zwar dringlich, aber kein Notfall ist, nüchtern sein muß. Die sich ausgiebig entschuldigen, daß die OP noch ein bißchen warten muß, weil mal selbst verschwitzt hat, das Kreuzblut abzunehmen.

Die anrufen, den Fall schildern, nach bestem Wissen und Gewissen die bekannten Probleme ansprechen. Und dann fragen ob und wann man den Patienten den operieren könnte, nüchtern wäre er um X Uhr.

Die morgens schon Zweifel am OP-Programm haben. Die in Rücksprache die Lage mittags neu beurteilen und dem „armen“ Patienten schon mal was zu essen geben, weil sie wissen, daß es nichts mehr wird, werden kann.

Mit solchen macht es Spaß zu arbeiten. Und wenn die dann wirklich mal kommen und fragen, ob man nicht vielleicht doch noch die eine OP beginnen könnte, ausnahmsweise, auch wenns vielleicht ein bißchen in den Dienst geht, dann haben sie ganz gute Karten, daß man ja sagt.

Aber die erklären dann auch genau, warum. Am ersten Tag abgesetzt, weil zu spät. Am zweiten Tag kamen Notfälle dazwischen. Am dritten wieder. Und jetzt wäre der vierte Tag. Ob man nicht vielleicht könnte? Man habe der Patientin versprochen, es zu versuchen…

Solche sind selten. Aber es gibt sie. Die ein bißchen über den Tellerrand sehen und den Patienten im Focus haben. Und NICHT nur ihre OP.

Bezeichnend für diese Sorte Operateur ist durchgängig, daß „das Knie von Zimmer Elf“ Frau Müller heißt. Und es auch nicht heißt „können wir das Knie noch operieren?“ sondern „können wir das Knie von Frau Müller noch operieren?“

Da müßen wir uns als Gasmänner aber auch an der eigenen Nase fassen.

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13. August 2010 - Posted by | Honorararzt, Klinik, OP | , , , , ,

2 Kommentare »

  1. da ist viel Wahres dran. Eigentlich alles 😀 Es liegt immer an beiden Seiten.

    Kommentar von anna | 15. August 2010 | Antwort

  2. […] habe auch schon meinen Senf zu anderen Fachrichtungen abgegeben. Und die über mich und meine Fachrichtung. Schenkt sich nichts, denke […]

    Pingback von Stich ins Hornissennest « Hammer oder Spritze? | 9. Dezember 2010 | Antwort


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