Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Daily Buisness: Hyperventilation

Zum Glück sind ja die meisten Krankheitsbilder in der Notfallmedizin eher harmlos.

Entweder weil sie sich von alleine lösen, oder weil sich von vorneherein nicht lebensbedrohlich sind. Oder weil die Einsatzmeldung schlimmer war als der Einsatz.

Die klassische Hyperventilation kriegt man als Notarzt mittlerweile eigentlich nur noch zu sehen, wenn die Einsatzmeldung „kriegt keine Luft mehr“ war und man mitalarmiert wird.

Die Hyperventilation selbst kann aufgrund von Aufregung, Schmerzen, Depression oder Panik entstehen.

Dabei erhöht sich die Atemfrequenz und/oder die Atemtiefe, es wird vermehrt Kohlendioxid abgeatmet, der pH-Wert des Blutes steigt (respiratorische Alkalose, Danke für die Korrektur) und es kommt zu einer relativen Hypokalziämie, die wiederum zum den Sypmtomen führt, wie Kribbeln in den Händen bis hin zur „Pfötchenstellung“ und genereller Hypererregbarkeit von Nerven.

Normalerweise führt ein hoher CO2-Gehalt des Blutes im Gehirn zu einer Gefäßerweiterung, ein niedriger zu einer Verengung. Es kommt also zusätzlich zu der paradoxen Situation, daß trotz ausreichendem Sauerstoffgehalt im Blut zuwenig davon beim Hirn ankommt. Und das macht dann die bekannte Atemnot. Und der oder die Betroffene atmet noch schneller.

Die Behandlung ist dann auch genau darauf abgestellt:

Der niedrige CO2 muß wieder in die Höhe, der Erregungszustand unterbrochen werden.

Manchmal reicht schon beruhigendes Zureden und Abschirmen des Patienten, man kann ihm durchaus „voratmen“, schön langsam, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

Die alte Geschichte mit der Plastiktüte zur Rückatmung von Kohlendioxid funktioniert in meiner Erfahrung nur dann, wenn die Patienten den Zustand kennen und schon mal hatten. Aber dann rufen sie auch nicht den Rettungsdienst.

Es gibt aber mittlerweile schöne Rückatmungsmasken, die aussehen wie Sauerstoffmasken und damit die Illusion erzeugen, man würde dem Patient etwas geben.

Wenn das alles nicht hilft, kann man sich als Notarzt immer noch mit einem Sedativum behelfen. Midazolam dürfte meines Wissens auf allen Rettungsmitteln verfügbar sein.

Aber da kann man schon aufs Maul fallen. Mir hat mal eine Dame, die anders nicht aus ihrer Hyperventilation zu kriegen war auf ein Milligramm Midazolam das Atmen eingestellt. Kein Drama, nur mußte sie eben überwacht werden und böse Blicke in der Ambulanz fängt man sich damit auch ein…

Ausserdem verbaut man sich so den Weg, dem Patienten vielleicht einen Transport zu ersparen.

Was man früher mal gemacht hat war, Kalzium zu geben oder den Säure-Basen-Haushalt anders auszugleichen. Hat sich aber herausgestellt, daß das nur Placebo-Effekte sind. Placebos kann man sich da schon zu nutze machen, da die klassische Hyperventilation ja eine psychische Kiste ist. Warum also nicht gleich da ansetzen? Allerdings würde ich es da eher mit NaCl versuchen.

Die Diagnose der Hyperventilation ist meistens eine Blickdiagnose. Wenn der Patient dazu passt und die Symptome kommt man normalerweise schnell dahinter, was es ist. Es lohnt sich, gerade wenn der eigene Adrenalinpegel mal wieder kurz unterhalb der Stratosphäre schwebt, tatsächlich mit einer Uhr daneben die Atemfrequenz auszuzählen.

Aber man muß natürlich andere Ursachen im Hinterkopf haben. Auch ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Schlaganfall, eine Entzündung oder eine Vergiftung kann dazu führen.

Insgesamt ist die Hyperventilation aber eher eines der „harmloseren“ Krankheitsbilder im Rettungsdienst.

P.S.: Natürlich sind solche medizinischen Beiträge von mir ohne Gewähr und im Zweifel fragen sie ihren Arzt oder Apotheker… 😉

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28. Juli 2010 - Posted by | Daily Buisness, Notfall | ,

5 Kommentare »

  1. Ein kleiner Hinweis sei erlaubt: es kommt zur respiratorischen Alkalose, also einem Anstieg des Ph-Wertes.

    Kommentar von 0ver | 28. Juli 2010 | Antwort

    • *self-facepalm* Selbstverständlich. Wird sofort korrigiert.
      Danke!

      Kommentar von Kormak | 28. Juli 2010 | Antwort

  2. Ein Mädchen das ich kenne wurde zwei Wochenenden hintereinander ins Krankenhaus gebracht weil sie keine Luft mehr bekam (Hyperventilierte) und der Diensthabende diagnostizierte eine psychosomatische Ursache. Ein Jahr später stellte sich raus, dass sie eine Depression mit Suizidabsichten hat.

    Kommentar von ichbinines | 28. Juli 2010 | Antwort

    • Wirklich „psychosomatisch“ oder doch „psychisch“?

      Denn Ersteres ist schon ziemlich aus dem Fenster gelehnt (finde ich) und Zweiteres stimmt meistens.

      Wenn eine Hyperventilation öfter auftritt, dann würde ich sie auch eher als Symptom werten und mal nachschauen, was das sein könnte.

      Kommentar von Kormak | 28. Juli 2010 | Antwort

  3. […] hätte ichs geahnt, gabs mehr als eine Hyperventilation. Eine nachts um drei, die man unter „Notarzt gerufen, weil schlecht geträumt“ […]

    Pingback von Die Ruhe nach dem Sturm « Hammer oder Spritze? | 30. Juli 2010 | Antwort


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