Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Geschüttelter Fettnapf

Meine Fresse, was erzählt der denn da?

Das Honorararzt-Unwesen ist der Feind einer qualitativ hochwertigen Medizin.

Einfach mal so dahingesagt. Nett. Vom Chef der DGAI erwarte ich schon etwas mehr als eine bloße Behauptung. Vor allem, wenn er einen Teil seines eigenen Berufsstandes niedermacht.

Aber andererseits verwundert es nicht besonders. Prof. Jürgen Schüttler ist schließlich Chef. Und als solcher natürlich nicht sonderlich erpicht auf uns Honorarärzte, möchte ich mal behaupten.

Ich unterstelle auch mal, daß er nicht sonderlich auf uns scharf ist, weil er eben über uns keine Macht hat.

Daß er uns nicht mag (wobei ich bezweifle, daß die Uni Erlangen größere Personalprobleme hat) geht schon in Ordnung. Aber daß er deshalb uns einfach mal als „Feinde der qualitativ hochwertigen Medizin“ betitelt, finde ich schon *ohne Worte*.

Wer den Mund so voll nimmt, sollte das dann doch auch belegen. Und ich bezweifle, daß er das kann.

Und dann:

Viele Krankenhäuser kämpfen deshalb darum, diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen.

Na logisch wollen sie das! Wir SIND teurer. Bei ehrlicher Rechnung und rund ums Jahr zwar „nur“ 30% teurer, aber mal Tacheles geredet: Wenn ein Krankenhaus Honorarärzte rund ums Jahr braucht, dann hat es ein strukturelles Problem.

Denn wie hält man seine Leute? Die Antwort ist ebenso simpel wie sie übersehen wird: Indem ich eine vernünftige Weiterbildung biete, indem ich die Rahmenbedingungen so ändere, daß die Leute bleiben wollen!

Zu den Rahmenbedingungen gehört natürlich auch die Bezahlung.

Jeder in diesem Beruf kennt es. Wenn man Irgendjemandem von den Angestelltengehältern berichtet, erntet man nur Unglauben.

Das Grundgehalt ist schon ein Witz. Und nur über teilweise unglaubliche Stundenzahlen (unter Mißachtung des Arbeitszeitgesetzes) kommt man auf ein Gehalt, das halbwegs der Verantwortung und Ausbildung gerecht wird.

Prof. Schüttler erkennt das Problem sogar, er benennt es:

Krankenhäuser sind traditionell sehr hierarchisch organisiert, Teamarbeit ist nicht immer gefragt. Das müssen wir ändern. Die Krankenhäuser haben aber auch zu lange zugesehen, wie die Arbeitsbelastung der Mediziner immer weiter gestiegen ist, auch weil sie viele Verwaltungsaufgaben aufgebürdet bekamen und die Kommerzialisierung der Medizin in den Vordergrund gerückt ist. Der eigentliche Daseinszweck des Arztes, die Arbeit mit Patienten, ist in den Hintergrund getreten.

Warum er dann trotzdem auf das dünne Eis geht und das den Honorarärzten ankreidet bleibt der Fantasie überlassen.

Denn das Problem ist nicht neu. Die beiden Grundregeln der Medizin in Deutschland sind in Stein gemeißelt:

  • Das ist halt so
  • Das war schon immer so

Es sind gerade wir Honorarärzte, die dieses Problem endlich endlich so ins Bewußtsein und in die öffentliche Wahrnehmung bringen, daß es nicht mehr ignoriert werden kann.

Irgendwann wird auch der letzte Chef und Verwaltungsmensch merken, daß er für Erdnüße nicht einmal mehr Affen bekommt.

Und das alle Polemisierung und Demagogik das Problem nicht lösen wird.

Prof. Schüttler hat einen Punkt, den es ernsthaft zu bedenken gilt:

Neue Studien zeigen jedoch, dass mittlerweile jeder 10 000. Patient im Anschluss an eine Narkose stirbt.

Er hat aber auch zugleich diese Aussage relativiert:

Die Studien werten deshalb die Sterbehäufigkeit über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach einem Eingriff unter Anästhesie aus – und sie ist heute eben wesentlich höher als früher.

Sechs bis zwölf Monate nach Narkose? Es wird aus dem Interview nicht ganz klar, ob der Zeitraum von sechs bis zwölf Monate nach Narkose betrachtet wird (also diese sechs Monate) oder ob je nach Studie sechs oder zwölf Monate herangezogen werden. Logisch vermute ich Letzteres.

Bei diesen Zeitrahmen drängt sich die Frage nach dem Kausalen Zusammenhang zur Narkose auf.

Aber selbst wenn die Zahlen stimmen und die Kausalität geklärt ist, liefert Herr Schüttler die Erklärung nach:

Die Patienten auf dem OP-Tisch sind heute älter, kränker und damit anfälliger.

Warum er dann den Eindruck entstehen läßt, das hätte etwas mit den Honorarärzten zu tun, erschließt sich mir nicht.

Es dürfte nun keine überraschende Neuigkeit sein, daß die Medien Interviews sehr selektiv bearbeiten und Aussagen auch gerne aus dem Kontext ziehen.

Prof. Schüttler bekommt also (trotz recht eindeutiger Aussagen) „the benefit of the doubt“.

Aber ohne berichtigenden Kommentar von seiner Seite muß ich seine Aussagen für bare Münze nehmen und seinen Angriff auf die Anästhesie im Allgemeinen und uns Honorarärzte im Speziellen mit sehr hochgezogenen Augenbrauen bewerten.

Ganz schöner Fettnapf. Rückwärts eingesprungen.

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25. Juni 2010 - Posted by | Politik | , , , , ,

3 Kommentare »

  1. Der Beitrag trifft den Nagel auf den Punkt, vielen Dank für die gelungene Darstellung. Leider ist die Voreingenommenheit gegenüber Honorarärzten gewaltig. Unser Chef sowie unsere Oberärzte lassen in aller Regel auch keine Gelegenheit aus, um gegen solche zu wettern und Ihnen pauschal Motivation und Kompetenz abzusprechen. Das Problem dabei ist in meinen Augen auch überhaupt nicht die Skepsis gegenüber der Entwicklung mancher Häuser in Richtung der Beschäftigung von Honorarärzten, als vielmehr das pauschale und undifferenzierte Draufhauen auf die eigenen Kollegen ohne jegliche Selbstreflexion.

    Kommentar von moechtegernlebensretter | 26. Juni 2010 | Antwort

  2. […] Die Honorarärzte stehen in der Schusslinie, ein Kollege verteidigt sich. […]

    Pingback von Doctors Blog » Blog Archive » Kurvenvisite vom 26.06.2010 | 26. Juni 2010 | Antwort

  3. … wie war das noch? Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis?!

    Kommentar von Doc-Consult | 29. Juni 2010 | Antwort


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