Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Learn from my fail: Was Chirurgen so erzählen

Idee kommt von hier und schadet niemand, wenn er mal seine eigenen Bockschüße ausbreitet.

Fange ich mal mit dieser Geschichte an.

Auf dem OP-Plan stand ein Hüft-TEP-Wechsel.

Für die nicht medizinisch Bewanderten: Das bedeutet, daß eine Hüftprothese mit roher Gewalt aus dem Oberschenkel und/oder dem Beckenknochen herausgedroschen werden muß. Was normalerweise nicht mit eben wenig Blutverlust zu machen ist.

Normalerweise bekommt der Patient vorher also eine ziemlich „große“ Bestückung, soll heißen, große Zugänge (und NEIN, eine Rosanüle gehört definitiv NICHT dazu), ZVK, vielleicht Arterie. Blutkonserven in der Hinterhand, vielleicht (je nach Klinik) einen PDK. Cell-Saver stehen ab und an auch mal rum. Also schon etwas „größeres“ Kino. Nichts wirklich wildes, nichts dramatisches, aber man muß schon was tun für sein Geld.

Man weiß, was kommt und ist darauf vorbereitet.

Tja, nur hatte ich vorher den Aufschneider gefragt. Es sollte nur der Hüftkopf gewechselt werden.

Wieder für die Nicht-Mediziner: Zwischen der künstlichen Pfanne und dem Ersatz des Schenkelhalses erfüllt eine Keramikkugel die Funktion des Hüftkopfes und wird eigentlich nur aufgesteckt (bißchen fest gedroschen, aber nicht mit aller Gewalt).

Und das Ding sollte getauscht werden. Es fällt also alles weg, was normal großartig bluten kann: Es wird nicht am Knochen gesägt, es wird nicht im Knochenmark rumgebohrt.

Alles in allem also eine ziemlich „popelige“ OP. Sollte man meinen.

Ich bin ja nun nicht völlig debil. Wenn an der Hüfte rumgeschraubt wird, stecke ich gerne mal einen Zugang mehr rein. Aber Arterie und ZVK habe ich erstmal gelassen.

Wozu auch? Aufmachen, Keramikding raus, neues rein, zunähen. In der Theorie könnte das in 20 Minuten über die Bühne sein. Und weder Arterie noch ZVK sind komplikationsarme Prozeduren (soll heißen: Wenn da was schiefgeht, kanns das in sich haben).

Also dachte ich, ich komme mit ein paar dicken (16er aufwärts) Zugängen aus, für den Fall, daß da doch was passiert.

OP geht also los, ganz entspannt… Nur irgendwann fällt mein Blick auf den sich schnell füllenden Sauger. Und direkt in dem Augenblick HATTE der Patient auch mal einen Druck gehabt.

Also Druck aufgepumpt (Kaffee aus der Tube), Infusionen aufgedreht, einen Hasen reinlaufen lassen, schnell im Reflex eine Arterie gelegt… und WUPS, war der Druck wieder weg.

Blut bestellt, zwei direkt und nachkreuzen sollen sie auch…

Arterenol angeworfen um ein bißchen Zeit rauszuholen. ZVK gelegt.

Nach und nach stabilisiert sich die Lage. Zweites EK hängt und läuft über Druckbeutel.

JETZT trudelt die BGA ein, die in dem Laden lustigerweise tatsächlich über das Labor laufen. Ist also auch schon wieder eine halbe Stunde alt und DAS heißt in anästhesiologischen Zeiten: „Aus dem letzten Jahrhundert“

HB da noch bei Neun Komma irgendwas. Daß das längst nicht mehr stimmt ist klar. Also rein forensisch noch eine abgenommen. Was da rauskommt hilft mir JETZT nichts. Weil muß ja erst ins Labor und bis ich da eine Antwort habe ist NOCH ein Jahrhundert ins Land gegangen.

Kreislauf kriegt sich wieder ein, Arterenol kann wieder abgedreht werden, Blutkonserven sind beim Einlaufen oder auf dem Weg.

WAS war da also passiert? Gute Frage. Fragen wir doch einfach mal den Operateur vor Ort:

„Passiert? Nix….“

Wortloses deuten auf den Sauger, der die Drei-Liter-Marke gut hinter sich hat…

„Ups…“

Ups? Du machst mir Spaß…

Ich weiß bis heute nicht, WAS da so geblutet hat. Es BLIEB nämlich beim Wechsel des Kopfes. Die einzementierten Teile, die einen HEP-Wechsel zum Blutbad machen können, blieben wo sie waren.

Der Aufschneider hat es also irgendwie geschafft, Narbengewebe SO bluten zu lassen, daß der Patient auf der Intensivstation (wohin ich ihn dann verfrachtet habe) als ersten HB trotz zwei EKs nur noch eine „Acht“ bot und auch noch so nachblutete, daß eine Stunde später eine „Sechs“ vorne stand und eine kleine Zahl dahinter…

Also: Hier mein „Learn from my Fail“: Wenn der Chirurg irgendwas von „Och, wird nichts Großes“ blubbert, sollte man hellhörig werden.

Wenn schon „TEP-Wechsel“ draufsteht, NUTZE die Gelegenheit, den Menschen so zu bestücken, daß er aussieht wie der Verteilerkopf in einem Achtzylinder.

Egal, was der Chirurg sagt.

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11. Juni 2010 - Posted by | Klinik, Learn from my Fail, Notfall, OP | , , , ,

4 Kommentare »

  1. Chirurgen interessieren sich auch einfach nicht für im Drumherum. Sind immer total überrascht, wenn sie am Ende den/die Saugerbeutel sehen und noch nicht mal mitbekommen haben, dass EKs angehängt wurden.

    Kommentar von Doc Brown | 12. Juni 2010 | Antwort

  2. Mein „Lieblingserlebnis“ war, als die Chirurgen bei einer Patientin mit nem Hb von 9 trotz Absprache heimlich nicht in Blutleere operiert haben… Auch nett, vor allem weil der Anästhesiepfleger das mehr oder weniger durch Zufall mitbekommen hat, weil ‚die‘ sich flüsternd drüber unterhalten haben, dass wir das nicht mitkriegen sollen. :/

    Kommentar von Hermione | 13. Juni 2010 | Antwort

    • Es gibt andere Chirurgen. Aber solche Dodel eben auch. Leider.

      Kommentar von Kormak | 13. Juni 2010 | Antwort

      • Ja, die meisten fand ich auch echt nett. Aber dieser eine hat halt regelmäßig den Vogel abgeschossen…

        Kommentar von Hermione | 13. Juni 2010


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