Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Fruchtwasserkapitäne

Ein besonderes Schmankerl in der Anästhesie sind die Gynäkologen.

Gefühlt hat jedes noch so kleine Kreiskrankenhaus eine eigene gynäkologische Abteilung inklusive Geburtshilfe.

Das ist an und für sich ja nichts dramatisches. Wenn, ja, wenn…

Nachts halb drei, der Piepser tut was Piepser tun, aber nicht sollen: Er piepst.

Am anderen Ende einen Gynäkologen, der versucht mir im Halbtran direkt aus der Tiefschlafphase geweckt irgendwas von „CTG“ und irgendwelchen Beschleunigungen zu erzählen, irgendwelche Zentimeterangaben.

Ich höre im Hinterkopf Benether brüllen: „Wat WILLST du eigentlich von mir?“

Auf die etwas freundlichere (aber verschlafene) Umformulierung der Frage beginnt der Sermon von neuem.

Ehrlich, der Gynäkophage könnte auch Vogelgezwitscher von sich geben, es würde mir genauso viel sagen. Aber es ist gar nicht so leicht, das Vogelgezwitscher die medizinische Erklärung des Problems zu unterbrechen.

Und ich weiß immer noch nicht, was der Mensch da nachts um halb drei von mir will. Jede Unterbrechung seines Redeflußes läßt ihn nur von vorne starten.

Erst die Drohnung aufzulegen, wenn er mir nicht STAT sagt, was er von mir will, bringt ihn dazu, das Wort „Sectio“ zu äussern. Warum nicht gleich so?

Aber damit ist das Problem noch nicht erledigt. Denn Gynäkologen können durchaus unterschiedliche Vorstellung von „Not-Sectio“ haben. Auf die Frage wie dringend beginnt das Vogelgezwitscher von Neuem.

Das will ich doch alles gar nicht wissen!

Ich unterbreche etwas angefressen und formuliere die Frage um: Habe ich Zeit, alle Knöpfe meiner Hose zuzumachen und mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht zu klatschen, oder reicht die Zeit nur für einen Knopf und kein Wasser?

Wäre die Uhrzeit besser, hätte ich es mir selbst denken können (die ‚echte‘ Notsectio klingt so: „Sectio JETZT!“) aber direkt aus der Tiefschlafphase ist mein Deduktionsvermögen in etwa so gut wie meine Laune.

Aha. Eine „dringliche Sectio“. Also irgendwas mit 20 Minuten Zeit, bis die Show am Laufen sein soll. Warum nennt der Kasper das dann „Notsectio“?

Etwas später, die Sectio läuft, mehr oder minder zügig. Und dabei hört man dann Dinge, die einem den Rest der Nacht den Schlaf rauben werden. Nämlich von anderen Schwangeren, die noch im Orbit sind. Mit diesem oder jenem Problem. Vorzugsweise welche, denen man gegen Mitternacht noch einen PDK reingepfriemelt hat (was bei gefühlten 20 cm Speck über der Wirbelsäule etwas von Blindflug hatte).

Das ist der Grund, warum ich in Nachtdiensten grundsätzlich nicht im Kreißsaal vorbeischaue. Ich will schlicht nicht wissen, was da alles sein könnte. Der Piepser wird mich schon wecken und es schläft sich bis zum Piepsen deutlich entspannter, wenn man nicht darauf wartet.

Wenn ich aber weiß, daß da noch drei Schwangere mit irgendwas im CTG rumliegen und die vielleicht, vielleicht auch nicht noch eine Sectio kriegen, dann schlafe ich nicht gut.

Und genauso auch jetzt. Die Information, daß die Schwangere vielleicht, vielleicht auch nicht auch noch eine Sectio bekommen soll hindert mich am Schlafen… und so mische ich meine verschiedenen Erfahrungen mit dieser Abteilung und schreibe (etwas übernächtigt) diesen Eintrag.

Update: Benether-Link aktualisiert. JETZT isses der Richtige

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5. Juni 2010 - Posted by | Klinik | , , , , , ,

6 Kommentare »

  1. …diese Gynäkologen…;-)

    Kommentar von Konzertharfe | 5. Juni 2010 | Antwort

  2. LOL

    also – bei mir gibt es zwei arten von sectio-ruf:
    telefon: wir machen eine sectio, paßt es in 20 minuten? und
    telefon: NOTSECTIO! *aufleg*

    und ja, ich will manchmal auch nicht wirklich wissen, was da so im kreißsaal rumeiert. aber mich fragt ja keiner nie…

    Kommentar von Heldin Im Chaos | 5. Juni 2010 | Antwort

    • Ja wenns SO angesagt wird, ist alles im grünen Bereich.

      Auf „Notsection!“ war der Rekord mal vier Minuten von Bimmel bis Kind… *stolz*
      (Danach erst mal fertig anziehen…)

      Hehe… wegen deinem Blog versteh ich die Mädels und Jungs mittlerweile auch etwas besser…

      Kommentar von Kormak | 5. Juni 2010 | Antwort

      • Brauchst mich ja nur fragen um uns zu verstehen!
        Und: Du schläfst im Dienst? Wie soll ich das jetzt auffassen? lol

        Ach ja……: am liebsten sind mir die Anästhesisten die bei der Losung „Notsectio“ die Patientin noch fragen: „hatten Sie schon mal eine Narkose? Gab es da Probleme?“ (Zwitscher)
        Da wär mir dann bald das Skalpell fehlgelaufen.
        Und so ganz den Glauben an die Welt hab ich dann verloren als der zur PDA gerufene Anästhesist eine neue Nadel legen wollte und das mit einer „blauen“ versucht hat, weil er die rosa nicht reingekriegt hat. In diesen Momenten ist es doch gut die „Durch-die-Füße-atmen-Technik“ zu beherrschen und den Zugang später selbst zu legen.
        Wie schön, daß es auch Anästhesisten gibt, die gern im KRS arbeiten. Da klappts dann auch mit dem Kaffee danach. 🙂

        Kommentar von docmuellerin | 26. Juni 2010

      • Die Frage „schon Mal Narkose gehabt? Gabs Probleme?“ ist eigentlich die Wichtigste. Das und die Frage nach Allergien kostet erstens keine Zeit und kann wirklich entscheidend sein.

        Klar gibts Pappnasen in jedem Beruf. Unnötig Zeit verlieren soll man da nicht.
        Wenn die Mama einen anaphylaktischen Schock hat hilfts dem Kind aber auch nichts.

        PDK ist wieder ein anderes Spiel. Erstens weil es schwerlich ein Notfall ist und zweitens weil eine Nadel eigentlich sowieso schon liegen sollte…

        Aber normalerweise klappts ganz gut…

        Und wie geht’s sonst so?

        Kommentar von Kormak | 26. Juni 2010

  3. In meinem Haus gibt es keine Gyn. Musste meine Gyn-Narkosen im Austausch erledigen. Ein HALBES JAHR lang in der Gyn. Am Ende hätte ich sämtliche OPs auch selbst ausführen können. Und das ist echt ne andere Spezies Mensch.

    Kommentar von anna | 8. Juni 2010 | Antwort


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