Hammer oder Spritze?

Der alltägliche Wahnsinn

Und für sowas zahl ich GEZ…

Am 18.5.2010 brachte die ARD in Plus-Minus eine Sendung über Honorarärzte.

Ich muß sagen, ich habe selten einen so tendenziösen und reisserischen Mist gesehen.

Entweder die Jungs und Mädels bei der ARD haben schlampig recherchiert oder absichtlich Halbwahrheiten erzählt.

Doch zurück auf Anfang:

Der Beitrag vergleicht Äpfel mit Birnen. Hier im Speziellen das auf den ersten Blick wahnsinnig hohe Stundenhonorar eines Honorararztes mit dem Stundenlohn eines Oberarztes.

Dabei wird völlig vergessen zu sagen, daß man die beiden Zahlen nicht vergleichen kann.

Denn der Stundenlohn eines Arbeitnehmers wird im Urlaub weiter bezahlt, bei Krankheit, es gibt (manchmal jedenfalls noch) Urlaubs- und Weihnachtsgeld, manchmal ein 13tes Monatsgehalt. Es gibt einen Arbeitgeberanteil zur Renten- und Krankenversicherung, es gibt die Berufsgenossenschaft, es gibt zum Teil bezahlte Fortbildungen.

All das hat ein Honorararzt nicht. Kein bezahlter Urlaub, keine Arbeitgeberanteile zur Renten- und Krankenversicherung, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Berufshaftpflicht ist deutlich teurer, die Fahrtkosten exorbitant höher. Es gibt keine bezahlten Fortbildungen.

Und da rede ich noch garnicht davon, daß wir Honorarärzte ja auch einen ziemlichen Teil unserer Zeit am heimischen Schreibtisch verbringen und tun, was ein Freiberufler nun mal tut.

Dazu noch ein gewisses unternehmerisches Risiko. Denn es gibt durchaus Zeiten, in denen die Angebote rar sind und wir eben nichts verdienen können.

Die beiden Zahlen so direkt mit einander zu vergleichen grenzt also ein wenig an Böswilligkeit und ist unehrlich.

Natürlich verdienen wir nicht schlecht. Den Hut muß man für uns nicht herumgehen lassen.

Das liegt aber weniger daran, daß wir so viel verdienen, sondern daran, daß ein angestellter Arzt so wenig verdient.

Daß der interviewte Oberarzt uns nicht sonderlich mag ist nachvollziehbar.

Denn uns kann man nicht einfach so verplanen. „Sie müßen dann und dann Dienst machen“ geht bei uns nicht. Das versetzt einen Vorgesetzen im Krankenhaus natürlich in eine für ihn ungewohnte Position: Er ist plötzlich Bittsteller.

Jahrelang haben wir für bessere Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern gekämpft und sind jedesmal abgeschmettert worden. Jahrelang waren wir wie Don Quichotte gegen Windmühlen unterwegs.

Hat das etwas genutzt? Nicht viel. Die „Gutsherrenmentalität“ so mancher Vorgesetzer ist immer noch da, die Hierarchie vorhanden wie eh und je. In den Nachtdiensten wird im Krankenhaus immer noch schlecht bezahlt. Zweijahresverträge sind immer noch die Regel und immer noch ein – scheinbares – Druckmittel.

Gut, es sind keine 36 Stundendienste mehr. Aber das ist auch schon alles.

Also haben viele getan, was uns übrig blieb: Wir haben der Festanstellung den Rücken gekehrt.

Wir waren es leid, für wenig Geld und keine Anerkennung zahllose Nachtdienste zu machen. Wir waren es leid, uns mit den kryptischen Gehaltsabrechnungen (die oft falsch und immer zu unseren Ungunsten) herumzuschlagen. Wir waren es leid, im letzten Moment den Urlaub gestrichen zu bekommen. Wir waren es leid, unbezahlte oder schlecht bezahlte Überstunden zu machen.

Alles hat seine Schattenseiten.

Wir arbeiten nicht an einem Fleck. Wir müßen flexibel sein, sehen unsere Familien manchmal wochenlang nicht. Wir müßen uns selbst um Arbeit kümmern. Geräteeinweisungen und Arbeitsmedizinische Untersuchungen sind unser eigenes Bier. Oft kennen wir das Personal in den Krankenhäusern nicht, die Gegebenheiten sind uns oft fremd. Aber wir lernen schnell.

Warum der Obrarzt in dem Beitrag so gegen uns lamentierte kann glaube ich mit einem Satz beschrieben werden: „Ihr habt keine Macht mehr über uns!“

Übrigens: Welcher von den beiden dargestellten Ärzten in dem Beitrag sah zufriedener aus?

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22. Mai 2010 - Posted by | Politik | , , , , ,

4 Kommentare »

  1. Hi, das kann ich so glatt unterschreiben. Keine Macht mehr über mir. Ist schon ein tolles Gefühl, wenn man auf die Frage: „Was machen Sie denn, wenn’s hier mal länger geht? Ärgert Sie das nicht?“ (meint die nun fälligen Überstunden, die beim Festangestellten bestenfalls in Freizeit ausgeglichen werden) frohgemut antworten kann: „Ich schreib’s auf die Rechnung! Und Ihre Verwaltung zahlt’s dann…“

    Kommentar von Rainer Schäfer | 22. Mai 2010 | Antwort

    • Sehr wahr. Aber das wissen sie meistens.
      Interessant ist auch überhaupt die Frage, ob man überhaupt Überstunden machen will…
      😉

      Kommentar von Kormak | 22. Mai 2010 | Antwort

  2. […] u.a. über die zu wünschen übriglassende Berichterstattung in den Deutschen Medien ausläßt: „Und für sowas zahl ich GEZ…“ Hinterlasse einen […]

    Pingback von [Gelesen] « Arzt4Empfaenger's Blog | 22. Mai 2010 | Antwort

  3. Ja, ich glaube, Ihr macht’s richtig! Honorararzt ist wohl inzwischen eine echte Alternative…
    Habe Dein Blog übrigens gerade entdeckt und lese es nun von vorn bis hinten durch!

    Kommentar von medizynicus | 9. Juni 2010 | Antwort


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